Wolken am Himmel angestrahlt von untergehender Sonne. © Birgit Arndt / fundus.media

Himmlische Impulse

Gedanken zum Sonntag

Ans andere Ufer

von Rainer Böhm
für den 12. Juli 2026 – 6. Sonntag nach Trinitatis

Landschaftsbilder, die wir in den Sommerferien sammeln können:  Ein abgelegenes Tal im Berner Oberland. Die Landschaft Nordportugals. Wie die bunten Häuser Venedigs sich im Wasser der Kanäle spiegeln. in Ort im Odenwald, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen und die Nacht noch so dunkel ist wie vor einhundert Jahren. Die Insel Iona im Meer vor Schottland. 

An dem See im Sauerland, an den wir früher oft gefahren sind, brannten abends am anderen Ufer oft kleine Lagerfeuer. Den Kindern habe ich erzählt, da wohnten die Indianer.

Jesus ist mit dem Boot hinübergefahren ans andere Ufer. Und länger dortgeblieben. Sie haben im Ort auf ihn gewartet. Und sie wurden unruhig. Er hatte ihnen Brot gegeben. Und er hat sie geheilt, aber nicht alle.  Zuerst die, die im Ort lebten, dann wurden es immer mehr, weil es sich herumgesprochen hat. Das schaffte er nicht mehr. Denn jede Heilung entzieht dem Heiler auch eigene Kraft. Deshalb ging er in die Stille. Um Kraft zu sammeln.

Das geht uns allen so. Erzieherinnen und Erziehern, Ärztinnen und Ärzten. Pflegerinnen und Pflegern. Und auch Lehrerinnen und Lehrern, Müttern und Vätern, Ehemännern und Ehefrauen. Nur wer etwas hat, kann auch etwas geben. Nur wer an sich selbst denkt, kann auch an andere denken. Nur wer sich zurückzieht, kann auch wieder unter vielen Menschen wirken. Deshalb gefällt mir die kleine Bemerkung über das „andere Ufer“. 

Es ist nicht nur weit weg, abgelegen und einsam. Es bietet auch eine neue Perspektive. Man erhält diesen Blick nur, wenn man sich aufrafft und sich etwas traut, einiges aufwendet. Das tun ja die meisten von uns in den Sommerferien. Es muss gar nicht so weit entfernt sein. Aber man erlebt: Eine andere Welt ist nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich. Manchmal braucht man nur den Blickwinkel zu wechseln. Die Perspektive von der anderen Seite einnehmen, das könnte oft hilfreich sein, im Großen wie im Kleinen:  Wenn es um Gerechtigkeit geht in der Ökonomie oder um Frieden im Nahen Osten und in der Ukraine.

Aber es ist nicht immer leicht, woanders hinzukommen. Das merken wir ja schon bei unseren Reisen. Es kostet Überwindung. Daheim zu bleiben ist bequemer, Aufbruch ist mühsam – wie in unserem Leben. Das ist ganz wichtig für Jesus. Er bietet immer, ganz egal, was passiert ist, einen Neubeginn an. Er möchte uns die Angst davor nehmen. Es gibt von Gott her immer ein neues Ufer. 

Im Reich Gottes sind die Kleinen, die Einfachen, die Armen so wichtig wie die Großen, die Intellektuellen und Reichen. Im Reich Gottes geschieht eine Umkehr der Werte. Und dieses Reich Gottes ist wie das andere Ufer. Es ist gar nicht so weit entfernt, aber es erfordert auf seine Weise einen radikalen Perspektivwechsel oder eine Umkehr, wie Jesus sagen würde, von uns. 

Auch in einem weiteren Sinn finde ich es ein tröstliches Bild. Wir müssen nicht schon hier in diesem Leben alles verstehen, alles erledigen, alles fertigbekommen. Gott wird seine ganze Schöpfung vollenden. Es darf vieles bruchstückhaft bleiben. Es gibt dieses jenseitige Ufer, wo Gott ergänzt, was fehlt, vollendet, was auf halbem Wege steckenblieb, was wir nicht geschafft haben.

Vielleicht nehmen wir das in den Sommer mit, wenn wir aufbrechen: Landschaftsbilder, den anderen Blick auf unser Leben – so wie ihn uns auch Jesus anbietet und selbst vorgelebt hat.

Rainer Böhm ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche in den Auen

Das Foto zeigt einen schwarzen KopfhörerPaul Seling/Pexels.com

Impulse aufs Ohr

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Auf einem Tisch liegen eine Bibel und ein Block. Man sieht zwei Hände, die einen text schreiben.Tobias Frick/fundus-medien.de

Gedanken-Archiv

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