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© Birgit Arndt / fundus.media
Manchmal wünsche ich mir einen Tag, an dem keiner etwas von mir will. Kein Termin, keine Nachricht, keine Aufgabe, die noch erledigt werden muss. Einen Tag, an dem ich nicht schon beim Aufwachen im Kopf meine To-do-Liste durchgehe, sondern erst einmal in Ruhe wach werden darf.
Ich vermute, mit diesem Wunsch bin ich nicht allein. Wir leben in einer Zeit, in der es immer etwas zu erledigen gibt. Selbst die freie Zeit wird oft sorgfältig verplant. Wir wollen uns erholen und organisieren dafür erst einmal die perfekte Erholung. Da tut es gut, dass es den Sonntag gibt: einen Tag, der uns daran erinnert, dass wir nicht ununterbrochen funktionieren müssen.
Doch wie wichtig ist dieser gemeinsame Ruhetag noch? Immer wieder wird darüber diskutiert, ob Geschäfte nicht häufiger sonntags öffnen sollten. Das klingt zunächst vernünftig: Warum nicht selbst entscheiden, wann man einkauft? Warum soll ein Geschäft geschlossen bleiben, wenn es Kundschaft gibt?
Natürlich gibt es Bereiche, in denen Sonntagsarbeit unverzichtbar ist. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Polizei und Feuerwehr können ihren Dienst nicht einfach einstellen. Aber bei der Frage nach dem freien Sonntag geht es um mehr als um Öffnungszeiten. Es geht darum, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.
Im Markusevangelium wird erzählt, wie Jesus an einem Sabbat mit seinen Jüngern durch Getreidefelder geht. Die Jünger bekommen Hunger und beginnen, Ähren abzuraufen, um die Körner zu essen. Das war keine große Sache, sondern eine ganz alltägliche Handlung. Doch weil Sabbat war, sehen einige darin einen Verstoß gegen das Gebot der Ruhe. Sie fragen Jesus, warum seine Jünger etwas tun, das nicht erlaubt sei.
Jesus erinnert sie an eine Geschichte von König David, der mit seinen Begleitern hungrig war und Brot erhielt, das eigentlich den Priestern vorbehalten war. Dann sagt Jesus einen Satz, der bis heute nachdenklich macht: „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat.“
Jesus schafft damit nicht einfach alle Regeln ab. Aber er erinnert daran, dass Regeln einen Sinn haben müssen. Sie sollen dem Leben dienen und Menschen schützen. Wenn wir vor lauter Beschäftigung mit Vorschriften nicht mehr wahrnehmen, was ein Mensch gerade braucht, haben wir etwas Entscheidendes aus dem Blick verloren.
Das gilt auch für unseren Sonntag. Er ist nicht dazu da, uns das Leben schwer zu machen, sondern uns Leben zu ermöglichen. Menschen brauchen nicht nur Einkaufsmöglichkeiten und Flexibilität. Sie brauchen Ruhe, Zeit füreinander und Stunden, in denen nicht Leistung, Umsatz oder Produktivität zählen.
Ein gemeinsamer freier Tag ist dabei etwas Besonderes. Natürlich kann man sich auch an einem Dienstag erholen. Doch wenn alle an unterschiedlichen Tagen frei haben, wird gemeinsame Zeit schwieriger. Familien müssen ihre freien Tage aufeinander abstimmen, Vereine finden schwerer Ehrenamtliche und Freundschaften brauchen mehr Organisation. Der Sonntag schafft Raum für Begegnungen, für gemeinsame Mahlzeiten, für Musik, Spaziergänge und Gespräche. Für vieles also, was uns trägt, ohne dass es sich in Zahlen messen lässt.
Der Sonntag erinnert uns außerdem daran, dass nicht alles, was wirtschaftlich möglich ist, auch gemacht werden muss. Zusätzliche Öffnungszeiten bedeuten schließlich auch, dass andere Menschen arbeiten müssen. Und nicht jeder kann frei entscheiden, wann er arbeitet. Wer auf seinen Arbeitsplatz angewiesen ist oder wenig Einfluss auf den Dienstplan hat, erlebt vermeintliche Flexibilität möglicherweise als zusätzlichen Druck. Ein gemeinsamer Ruhetag setzt eine Grenze: Die Zeit der Menschen steht nicht unbegrenzt zur Verfügung.
Vielleicht ist der Sonntag aber auch deshalb so wichtig, weil wir selbst oft vergessen, dass wir Pausen brauchen. Wir messen unseren Wert gern daran, was wir leisten und wie viel wir schaffen. Doch schon die Schöpfungsgeschichte erzählt davon, dass Gott am siebten Tag ruht. Die Ruhe gehört zur Schöpfung. Sie ist kein Luxus, den wir uns erst nach getaner Arbeit gönnen dürfen.
Wir müssen nicht aus jedem freien Tag etwas machen. Manchmal reicht es, am Fenster zu stehen und dem Regen zuzusehen, Musik zu hören oder spazieren zu gehen, ohne ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen. Wir dürfen einfach da sein, ohne etwas leisten zu müssen.
Denn fertig werden wir mit allem vermutlich nie. Gott aber traut uns zu, trotzdem aufzuhören.
Der Sonntag ist kein Relikt aus vergangenen Zeiten. Er ist ein Geschenk, das uns daran erinnert, dass das Leben mehr ist als Arbeit und Konsum, mehr als Leistung und Erfolg. Er gehört uns Menschen – den Arbeitenden, den Erschöpften und allen, die Zeit zum Leben brauchen.
Gott schenkt uns Zeit. Lassen wir sie uns nicht nehmen – und nehmen wir sie auch einander nicht weg.
Tanja Langer ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes
Paul Seling/Pexels.comOb eine schwere Krankheit, ein Trauerfall in der Familie, das belastende Gefühl, einsam zu sein, oder einfach nur ein Coffee-to-go und Feierabend, – nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um Impulse für Glauben und ihren Alltag mit seinen Herausforderungen und Freuden aufzugreifen.
Tobias Frick/fundus-medien.deHier finden Sie weitere „Gedanken zum Sonntag" von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Mitarbeiterinnen aus dem Dekanat Büdinger Land.