Auf Wikipedia stand es schon zu lesen, bevor er Bürgermeister Thorsten Eberhard die Urkunde überreichen konnte: „Pistorius-Stadt-Nidda“, berichtete der Hessische Innenminister Roman Poseck im Niddaer Heimatmuseum, wo am Mittwochnachmittag die Verleihung des Namenszusatzes stattfand. Damit wird nun endlich, so muss man es wohl sagen, ein bedeutender Sohn der Stadt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Der Theologe Johannes Pistorius war ein Weggefährte Martin Luthers und Philipp Melanchthons. Er führte 1526 in Nidda die Reformation ein und wurde der erste evangelisch Pfarrer der Stadt.
Die Werte des Reformators – Mut, Toleranz, Menschlichkeit und Haltung – seien heute so aktuell wie damals, betonten die Redner. Pistorius, der von 1504 bis 1583 lebte, blieb seiner Heimat stets verbunden und setzte sich in einer Zeit politischer und religiöser Umbrüche für Toleranz, Nächstenliebe und ein friedliches Miteinander der Konfessionen ein.
Reinhard Pfnorr, Ehrenbürger der Stadt und Ehrenvorsitzender des Heimatmuseums, erinnerte an frühere Versuche, Pistorius’ Namen in Nidda zu etablieren. So scheiterten in den 1950er- und 1980er-Jahren Pläne, das Gymnasium nach ihm zu benennen, mit der Begründung, er sei zu wenig bekannt. Erst 2011 erhielt das Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde den Namen „Johannes-Pistorius-Haus“. Eine treibende Kraft dahinter war der inzwischen verstorbene ehemalige Erste Stadtrat Georg Wegner.
Mit der Veröffentlichung einer Doppelbiografie über Vater und Sohn Johannes Pistorius Niddanus durch den Historiker Hans-Jürgen Günther im Jahr 1994 begann eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Reformator, erklärte Pfnorr.
Pistorius habe stets die Menschen über den eigenen Ruhm gestellt, betonte Martin Röhling, Vorsitzender des Heimatmuseums, in seiner Rolle als Amtmann Jost Rau zu Holzhausen.
„Was vor 500 Jahren wichtig war, ist es heute auch noch – nur muss man es anders vermitteln“, sagte Bürgermeister Thorsten Eberhard. Er verwies auf die Pistorius-Kampagne, mit der die Stadt dessen Werte in die Gegenwart holte. Große, farbige Banner mit Pistorius’ Porträt und Slogans wie „selbst denken“ und „mutig sein“ prägen das Stadtbild.
Hessen hat über 400 Städte und Gemeinden, erklärte Innenminister Poseck. Nidda ist nun die 67., die einen Namenszusatz trägt. Der Antrag, Nidda zur „Pistorius-Stadt“ zu machen, wurde maßgeblich von der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde unterstützt. Poseck lobte besonders das einstimmige Votum der Stadtverordnetenversammlung vor einem Jahr. Die Verleihung sei keine Formsache, sondern an hohe Anforderungen geknüpft, betonte er und gratulierte Nidda zu diesem besonderen Moment.
Für historisches Flair sorgten Darsteller in Gewändern des 16. Jahrhunderts, darunter Rolf Hartmann, Vorsitzender des Dekanatssynodalvorstands, in der Rolle des alten Johannes Pistorius.
Eine, die sich besonders freute, war Beate Harbich-Schönert, Vorsitzende des Dekanatsfrauenausschusses. Das Pistorius-Jubiläum ist ihr eine Herzensangelegenheit. Ob Festprogramm oder Namensverleihung – sie hat sich mit großem Einsatz dafür starkgemacht, dass Pistorius angemessen gewürdigt wird. Ihr Motto: „Geht nicht, gibt’s nicht. “
Am 29. März wird im Heimatmuseum die Ausstellung „Johannes Pistorius und seine Zeit“ eröffnet.
Mehr zum Pistorius-Jahr in Nidda finden Sie hier.