Da geht noch was

veröffentlicht 26.05.2026 von Judith Seipel, Kirche im Evangelischen Dekanat Büdinger Land

Kann man dankbarer und zufriedener aus dem Berufsleben scheiden? „Es war ein Geschenk, diesen Beruf noch ausüben zu dürfen“, sagt Pfarrer Dieter Wichihowski vor wenigen Wochen im Pfarrkonvent des Evangelischen Dekanats Büdinger Land, als er Kolleginnen und Kollegen schon einmal Lebewohl wünscht, weil er sie in diesem Kontext vermutlich nicht mehr treffen wird.

Kann man dankbarer und zufriedener aus dem Berufsleben scheiden? „Es war ein Geschenk, diesen Beruf noch ausüben zu dürfen“, sagt Pfarrer Dieter Wichihowski vor wenigen Wochen im Pfarrkonvent des Evangelischen Dekanats Büdinger Land, als er Kolleginnen und Kollegen schon einmal Lebewohl wünscht, weil er sie in diesem Kontext vermutlich nicht mehr treffen wird. 

Das Wörtchen „noch“ in seinem Dank ist wohl gesetzt. Denn selbstverständlich ist es keineswegs, dass Dieter Wichihowski studiert und Pfarrer wird. „In meiner Familie war es nicht üblich, dass man studiert“, sagt er ohne Larmoyanz. Zudem gibt es Ende der 1970er Jahre, als er Abitur macht, genug Lehrer, genug Juristen, genug Pfarrer ... Also lernt Dieter Wichihowski, Jahrgang 1958, aufgewachsen in Assenheim, bei einer Krankenkasse den Beruf des Sozialversicherungsangestellten. Bis er sich mit Mitte 20 die Frage stellt: Will ich das wirklich noch 40 Jahre lang so weitermachen? Da geht doch bestimmt noch was.

Einfach ist die Entscheidung freilich nicht, denn er trägt bereits Verantwortung für eine kleine Familie, mit der er bis heute in Eichen lebt. Eine Perspektive findet er bei der Kirche, der er sich schon immer verbunden fühlt. In seiner Jugend in Assenheim verdingt er sich gerne im Küsterdienst, später macht er sogar eine Lektorenausbildung. Ein Verdienst des damaligen Pfarrers Kuno Galter. „Der konnte Menschen bewegen“, sagt Wichihowski. 

Und so schreibt er sich schließlich an der damaligen Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt für den Studiengang „Kirchliche Gemeindepraxis“ ein, heute wohl vergleichbar mit Gemeindepädagogik. „Das Studium war überschaubar und ließ sich gut mit meinem Leben verbinden“, erinnert er sich. Parallel dazu unterstützt er den Pfarrer im Nidderauer Ortsteil Windecken mit zehn Stunden Jugendarbeit in der Woche. 

Der Pfarrer, auch Motorradseelsorger, ist oft unterwegs und Dieter Wichihowski springt ein, macht eine Prädikantenausbildung und bekommt vom Dekan eine Stellenzusage für die Zeit nach dem Examen: 50 Prozent als Religions- und Gemeindepädagoge in der Kirchengemeinde und 50 Prozent Religionsunterricht an einer Mittelstufe in Nidderau. 

Nach drei Pfarrerwechseln in Windecken sieht er sich mit der Frage konfrontiert, ob er nicht die Pfarrstelle übernehmen kann. Die Pfarrerflut ist nämlich deutlich abgeebbt. „Das war mein Geschenk“, sagt er heute. Wegen seiner bereits erworbenen kirchlichen Praxis absolviert er einen verkürzten Bildungsgang mit Besuch des Predigerseminars in Hofgeismar und Vikariat an der Christuskirche in Hanau. 2002 wird Dieter Wichihowski, inzwischen 42 Jahre alt und Vater zweier Kinder, in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ordiniert, zunächst zum Pfarrverwalter, wie man das damals nennt. Das ist so ein Zwischending: Er übernimmt pfarramtliche Aufgaben, ist aber noch nicht in das klassische Pfarramt eingewiesen. Das folgt nach weiteren fünf Jahren.

In Erlensee tritt er seine erste Pfarrstelle an. „Das war eine sehr schöne Zeit“, sagt er in der Rückschau, vor allen Dingen deshalb, weil er mit halber Stelle wieder unterrichten kann. Als ein paar Jahre später die halbe Gemeindestelle in Erlensee wegfallen soll und ihm im Kirchenkreis Hanau ein Springerdienst angeboten wird, lehnt er dankend ab: „Ich bin ein Mensch, der auf Beziehungsebene arbeitet und nicht einfach Dinge abhält.“

So wechselt er von der einen Landeskirche in die andere, von der EKKW in die EKHN. Der Kirchenvorstand im wenige Kilometer entfernten Oberau, der einen Pfarrer sucht, hat Wind davon bekommen, dass Wichihowskis Gemeindestelle wegfällt und spricht ihn an. Zunächst ist er skeptisch: Soll er mit Anfang 60 noch diesen Schritt gehen? Er nimmt an.

Am 8. März 2020 wird er in der Kirche der Waldsiedlung, die als dritter Gemeindeteil zu Oberau und Höchst dazukommt, ins Amt eingeführt. „Und eine Woche später begann der Lockdown. Plötzlich stand ich vor der Frage, wie ich denn überhaupt zur Gemeinde Kontakt kriegen sollte.“

Auch das hat sich, wie so vieles in seinem Leben, gut gefügt. Die Kirchenvorstände nennt er allesamt „sehr kooperativ“, die Zusammenarbeit unkompliziert. Und so geht er 2024 mit Erreichen der Altersgrenze nicht in den Ruhestand, sondern folgt seiner inneren Stimme, die sagt: „Da geht noch was.“

Nun aber soll Schluss sein. Vorläufig. Am Sonntag, 7. Juni, wird Dieter Wichihowski um 14 Uhr im Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Oberau entpflichtet. Dann hat er Zeit für die fünf Enkelkinder und den großen Garten. Seiner Frau hat er versprochen, ein halbes Jahr die Füße stillzuhalten „bis auf ganz wenige Ausnahmen“. Danach könnte vielleicht wieder etwas gehen ...