Wo bis vor einigen Jahren noch Geldgeschäfte abgewickelt wurden, findet jetzt Gemeindeleben statt: Die Evangelische Kirchengemeinde Hirzenhain hat ein ehemaliges Bankgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche erworben und zu einem Gemeindehaus umgebaut. Mit einem ökumenischen Festgottesdienst am Reformationstag wurde das Haus nun offiziell eingeweiht. Der neue Ort soll freundlich, friedlich, verbindend, bunt und offen für alle Menschen sein. „Ein Dorftreff im besten Sinne“, wie Sylvia Stiebeling, Vorsitzende des Kirchenvorstands, es formulierte.
Bis zur letzten Minute wurde im und um das kleine ehemalige Bankgebäude gewerkelt und geputzt, damit zur Eröffnung alles perfekt war. Wie viele Gespräche, Planungsarbeit und vor allem Geduld es gebraucht hatte, bis aus der ersten Idee Wirklichkeit wurde, schilderte Stiebeling in ihrer bewegten Ansprache. Ihr Dank galt allen, die zum Gelingen beigetragen haben – von der Kirchenverwaltung in Darmstadt bis zur Putzhilfe der Kirchengemeinde, die in den vergangenen Tagen im Akkord gearbeitet habe. Die letzten Türen seien erst wenige Tage zuvor eingesetzt worden.
Den Festgottesdienst gestalteten Pfarrer Tobias Vonderlehr, Pfarrvikar Hendrik Jolie von der Katholischen Pfarrei St. Christophorus vor dem Vogelsberg und Pfarrer David Joram aus der Partnerkirchengemeinde Teicha-Sennewitz in Sachsen-Anhalt, der mit einer Delegation angereist war.
Ökumene am
Reformationstag
In seiner Predigt schlug Tobias Vonderlehr den Bogen von der Reformation zu den aktuellen Herausforderungen der Evangelischen Kirche. Die zentrale Frage sei unverändert: „Was trägt uns im Leben und macht den Glauben lebendig? “ Martin Luther habe den Glauben wieder ins Leben der Menschen holen wollen. Damals wie heute lebe die Kirche davon, „dass Menschen sich von Gottes Wort bewegen lassen“, sagte Vonderlehr. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben von Kirche sei es, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich gesehen fühlen und einander begegnen können. „Was nützt eine Kirche, die ihre Gebäude bewahrt, aber die Menschen vergisst? “ Dieser Gedanke brachte auch die Bedeutung des neuen Gemeindehauses auf den Punkt.
Die Reformation habe jedoch auch Wunden hinterlassen. „Umso schöner, dass wir heute hier gemeinsam stehen“, betonte Vonderlehr mit Blick auf die ökumenische Zusammenarbeit. Pfarrvikar Jolie ergänzte: „Wir haben unterschiedliche Traditionen, stehen aber auf demselben Fundament. “ Dass der Gottesdienst ökumenisch gefeiert wurde, sei etwas Besonderes. Seine Pfarrei habe kürzlich ihre Kirche in Hirzenhain geschlossen. Umso wichtiger seien Begegnung und Austausch. Sylvia Stiebeling versicherte, dass die evangelische Kirche den katholischen Mitchristen jederzeit offenstehe, wenn sie dort Gottesdienste feiern wollten.
Dekanin Birgit Hamrich zeigte sich bewegt, dass in Zeiten von Mitgliederschwund und Umbrüchen ein neues Gemeindehaus eröffnet wurde. Sie erinnerte daran, dass Jesus Christus trotz aller Unterschiede der gemeinsame Grund sei. Als Geschenk überreichte sie eine Margaretha-Pistorius-Rose, die an die Frau des Niddaer Reformators Johannes Pistorius erinnert.
Nachhaltige
Gebäudenutzung
Bürgermeister Timo Tichai lobte die nachhaltige Idee hinter dem Projekt. Ein bestehendes Gebäude neu zu nutzen, sei ein sinnvoller Umgang mit Ressourcen. Auch das frühere Gemeindehaus habe eine neue Bestimmung gefunden und wurde in Wohnraum umgewandelt. Tichai dankte allen, die „nicht lange reden, sondern anpacken“. Das neue Gemeindehaus trage dazu bei, Hirzenhain lebenswert zu halten – ein Gewinn für alle.
Auch die Gäste aus der Partnergemeinde in Sachsen-Anhalt überbrachten Grußworte. Anschließend durchschnitt Dekanin Hamrich das Band vor dem Gemeindehaus und gab die Räume damit offiziell für die Nutzung frei. Bei Sektempfang, Schnittchen, Suppe und Kuchen konnten die Gäste das neue Haus in Augenschein nehmen.
Das Gebäude bietet Platz für rund 40 Menschen, ist barrierefrei und mit einer Küche ausgestattet. Es soll vielseitig genutzt werden: für Gruppenarbeit, Begegnungen, gesellige Treffen oder beispielsweise Filmabende, sagte Sylvia Stiebeling am Rande. Es sei ein Ort, an dem Gemeinschaft wachsen kann.
Ein langer Weg
Der Weg dorthin war lang und arbeitsreich. Das Hirzenhainer Gemeindehaus ist wohl das letzte seiner Art, das die Landeskirche EKHN mitfinanziert. Weil das alte Pfarr- und auch das Gemeindehaus stark sanierungsbedürftig waren, verkaufte die Kirchengemeinde beide Gebäude vor etwa acht Jahren. Das nahegelegene Bankgebäude bot sich als neue Begegnungsstätte an. Die Planungen begannen 2020. Der Gemeindeanteil von einem Drittel der Gesamtkosten – etwa 500.000 Euro – wurde aus dem Verkaufserlös finanziert. Die Landeskirche übernahm die restlichen zwei Drittel.