„Gut Ding will Weile haben!“, so sagt man manchmal, wenn ein lang gehegter Wunsch endlich in Erfüllung geht. So nun auch in der Evangelischen Martin-Luther-Kirchengemeinde in der Altenstädter Waldsiedlung. Schon beim Bau der Kirche 1987 gab es konkrete Pläne und auch Kostenvoranschläge, zu der aus Nieder-Mockstadt zur Verfügung gestellten „Leihglocke“ (Ton a2, Gewicht circa 50 Kilogramm) eine eigene im Ton passende Glocke (Ton fis2, Gewicht circa 85 Kilogramm) gießen zu lassen. Doch dann passte immer etwas nicht und so geriet der Wunsch in Vergessenheit.
Da die Aufhängung der Leihglocke im Türmchen der Martin-Luther-Kirche nun stabilisiert werden musste, um dauerhaften Schaden von Turm und Gebäude abzuwenden, wurde die Idee von der zweiten Glocke wieder aufgegriffen. Wieder wurden Kostenvoranschläge eingeholt und Spendenaufrufe an die Gemeinde gegeben. Und so wurde es vor allem durch die Einzelspende der Familie und des Unternehmens Glock in der Waldsiedlung möglich, die seit fast 40 Jahren geplante zweite Glocke endlich bei der Glockengießerei Rincker in Sinn in Auftrag zu geben.
Nach wochenlangen Vorarbeiten hatte die Glockengießerei nun interessierte Menschen aus der Gemeinde zu dem nicht alltäglichen Ereignis des Glockengusses nach Sinn eingeladen und mehr als 20 Personen aus der Waldsiedlung und aus Höchst an der Nidder waren der Einladung gefolgt.
In Sinn begrüßte der Seniorchef der ältesten Glockengießerei Europas, Hanns-Martin Rincker, die Gäste aus der Wetterau. Zunächst gab es einige Hinweise zum bevorstehenden Glockenguss und nach einem kurzen Gebet wurde dann die bei circa 1.100 ° Grad flüssige Glockenbronze in die seit Wochen in traditioneller Handarbeit hergestellte Glockenform gegossen. Es herrschte spannungsvolle Ruhe in der Werkstatt und die Gießer verrichteten in umsichtiger Ruhe und mit großer Sorgfalt ihr Handwerk.
Nach dem Guss führte Hans Martin Rincker die Besucher durch die Werkstatt erklärte sehr praxisnah die alte Kunst des Glockengießens, auch mit dem Hinweis, dass jede Gießerei noch einmal ihre eigenen Firmengeheimnisse hat, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. So „begegneten“ die Besucher einer 1.90 Meter großen und drei Tonnen schweren Glocke, die vor wenigen Wochen für den Dom St. Marien in der lettischen Hauptstadt Riga gegossen worden war.
Neben dieser Domglocke mit ihren 3.000 Kilogramm Gewicht mag sich die Glocke für die Waldsiedlung wie ein Zwerg neben einem Riesen ausmachen. Und dennoch, so versichert Seniorchef Rincker, werde jede Glocke, sei sie nun groß oder klein, sei sie für einen Dom oder für eine kleine Kapelle bestimmt, mit der gleichen Sorgfalt und der gleichen Liebe zum Detail gegossen. Denn jede Glocke läutet später zur Ehre Gottes und soll eine Stimme sein, die zum Gottesdienst ruft und einlädt.
Aber auch beim Anfertigen einer Glocke gilt, sei sie nun groß oder klein: Gut Ding will Weile haben, wenn es denn für die nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte Bestand haben soll.