Die Gastgeberinnen, Dekanin Birgit Hamrich und Pfarrerin Anja Schwier-Weinrich, Geschäftsführerin des EFHN-Landesverbands, äußerten sich in ihrer Begrüßung besorgt über das gesellschaftliche Klima, in dem die Fortschritte in der Gleichstellung zunehmend unter Druck gerieten. Antifeministische Entwicklungen, Kürzungen in der Frauenarbeit und Erfahrungen von Abwertung und Unsicherheit prägten vielerorts den Alltag. Auf die Frage, was sie sich von diesem Abend erhoffen, antwortete Birgit Hamrich mit „Hoffnungstrotz“ und Anja Schwier-Weinrich mit „Empowerment“. Damit war ein programmatischer Anspruch der Veranstaltung gesetzt.
Zwischen den Menü-Gängen sprachen fünf Frauen als Impulsgeberinnen über Räume: Natur, Gesellschaft, Glaube und Körper – als Orte von Kraft und Freiheit, aber auch von Verletzlichkeit und Schutz. Mit einem feinen Gespür für Zwischentöne verlieh die Schauspielerin und Regisseurin Ronka Nickel den Gesprächen Struktur und Tiefe und entwickelte so, wie unterschiedlich Wege zu Stärke und Selbstbehauptung aussehen können.
Naturgartenplanerin Dorothee Dernbach hatte auf ihrem Weg nach Bad Salzhausen einen Strauß Wildblumen gepflückt. Um Aufmerksamkeit auf diese Schönheiten vom Wegesrand zu lenken und Wissen darum zu sammeln und weiterzugeben, hat sie vor 19 Jahren zusammen mit anderen eine Naturgartenakademie gegründet. „Denn die Verwendung von Wildpflanzen innerhalb von Ortsschildern wird nirgends gelehrt.“ Die Natur, sagte sie, sei ihr Kraftort. Und Menschen seien Teil dieser Natur. „Wir müssen dahin kommen das wieder zu fühlen.“ Frauen müssten spüren lernen, dass auch sie selbst „heilige Räume“ seien – lebendig, verletzlich und voller eigener Kraft.
Wie verletzlich gesellschaftliche Räume sein können, machte Anne Hantschel vom Frauen-Notruf in Nidda deutlich. Die Beratungsstelle unterstützt seit 35 Jahren Frauen, Mädchen und Transpersonen ab 16 Jahren. Der Bedarf sei hoch, sagte Hantschel; zugleich gebe es im Wetteraukreis nur ein Frauenhaus. Ronka Nickel ergänzte, dass in Deutschland statistisch etwa alle zwei Minuten eine Frau Gewalt erfährt. Umso wichtiger seien Präventionsangebote in Kitas und Schulen, mit denen der Frauen-Notruf junge Menschen früh stärken wolle.
Dass gesellschaftliche Räume aktiv gestaltet werden können, zeigte das Gespräch mit Katja Euler, Erste Stadträtin der Stadt Büdingen. Ronka Nickel bezeichnete sie jemanden, bei dem in politischer Verantwortung stets der Mensch sichtbar bleibe. Katja Euler schilderte ihren Berufsweg mit Humor und Selbstvertrauen. Obwohl sie als Deutsch- und Englischlehrerin Musik nie studiert hatte, unterrichtete sie das Fach am Wolfgang-Ernst-Gymnasium und leitete später sogar den Fachbereich – „weil ich’s kann“. Ihr Rat: „Vertrau‘ darauf, dass jemand da ist, der sieht, was du kannst.“
Einen stilleren Blick auf Lebensräume eröffnete Sr. Maria Magdalena aus dem Kloster Engelthal. Seit 1984 lebt sie dort in der Gemeinschaft der Benediktinerinnen, die das Kloster Ende des Jahres aus Altersgründen verlassen werden. Ronka Nickel zeigte sich beeindruckt von ihrer „tiefen Freude, Souveränität und Gelassenheit“. Die Ordensfrau sprach offen darüber, was gemeinschaftliches Leben im Kloster bedeute: „Wir haben uns nicht ausgesucht, wir haben uns vorgefunden.“ Entscheidend sei die Frage, wie man seinen Platz finde, ohne sich selbst zu verlieren – „und vielleicht sogar ein Stück mehr Ich zu werden“. Das Verbindende sei die gemeinsame Suche nach Gott, „an dem man dranbleiben möchte, obwohl man ihn nicht greifen kann“. Den Abschied aus Engelthal beschrieb sie ohne Bitterkeit: „Wir geben es frei, damit etwas Neues daraus entstehen kann.“
Zum Abschluss lenkte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin Claudia Velten den Blick auf den Körper als „schwingenden Raum“. Stimme, sagte sie, sei weit mehr als ein Werkzeug des Sprechens: Sie verbinde Menschen mit sich selbst und miteinander. Gemeinsam mit den Frauen im Saal ließ sie Atem-, Klang- und Sprechübungen entstehen, bei denen Vibrationen spürbar wurden und der Raum selbst zu klingen begann. Die Stimme könne eine ruhige, unmittelbare Möglichkeit sein, mit dem eigenen Inneren in Kontakt zu kommen.
Nach fast vier Stunden endete der Abend beinahe meditativ. Unter der Anleitung Claudia Veltens und ihres Mannes Jens Velten am Klavier sangen die gut 70 anwesenden Frauen „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius und legten darüber das „Abendlied“ von Josef Gabriel Rheinberger, woraus sich ein zutiefst berührender Klangteppich entwickelte – Abschluss einer Veranstaltung, die viele Frauen bewegt hatte.