„Wir leben hier zu schön, jeder Weg kann ein Pilgerweg sein.“ Mit dieser Überzeugung lud Nicole Zorn zu ihrer ersten Pilgertour durch das Eicheltal ein. Die Verwaltungsfachkraft des Evangelischen Dekanats Büdinger Land absolviert derzeit eine Qualifizierung zur ökumenischen Pilgerbegleitung beim Bistum Limburg in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und der Jakobusgesellschaft. Nun setzte sie das Gelernte erstmals in die Praxis um – und begeisterte 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einer abwechslungsreichen Wanderung voller Naturerlebnisse, spiritueller Impulse und persönlicher Begegnungen.
Los ging es am Vormittag mit einer Andacht in der Kirche in Eichelsdorf. Das Thema „Aufbrechen“ bildete den roten Faden des Tages. Trotz durchwachsener Wettervorhersagen machten sich die Teilnehmer anschließend auf den rund 17 Kilometer langen Weg durchs Eicheltal – und blieben bis zum Nachmittag trocken.
Pilgern gehört zu den ältesten Formen des Unterwegsseins. Dabei geht es nicht allein um das Zurücklegen von Kilometern, sondern um die bewusste Verbindung von Bewegung, Natur und innerer Einkehr. Genau diesen Gedanken griff Nicole Zorn während der gesamten Tour auf. Unter den Teilnehmern waren nicht nur kirchlich engagierte Menschen, sondern auch Gäste, die bislang wenig Berührungspunkte mit Kirche hatten.
Die Route führte zum Eichköppel und zu einem ehemaligen Steinbruch. Immer wieder gab es Erläuterungen zu besonderen Orten am Wegesrand. Als Zeichen ihrer Pilgerschaft erhielten die Teilnehmer Pilgerbändchen. Darüber hinaus bekam jeder ein kleines Baumwollsäckchen, um unterwegs Naturmaterialien zu sammeln. Aus Federn, Steinen, Früchten und kleinen Ästen entstand später ein gemeinsames Mandala.
Zu den eindrücklichsten Stationen gehörte die sogenannte Regenbogenbrücke, eine alte Furt im Eicheltal. Hier regte ein Impuls dazu an, über persönliche Übergänge nachzudenken: Was möchte ich hinter mir lassen? Was soll vor mir liegen? Was will ich neu beginnen?
Im Heißbachgrund, wo Eichelsdorf und Michelnau aneinandergrenzen, folgte eine Geben-und-Nehmen-Meditation. Anschließend setzte die Gruppe ihren Weg schweigend fort. Unter dem Motto „Lauschen mit der Seele“ rückte die Wahrnehmung der Natur ebenso in den Mittelpunkt wie die Aufmerksamkeit für die eigenen Gedanken.
Ein weiterer Höhepunkt wartete am Gipfelkreuz oberhalb von Michelnau auf 311,4 Metern Höhe. Dort trugen sich alle Pilgerinnen und Pilger in das Gipfelbuch ein und genossen den weiten Blick über die Landschaft. „Es war eine gigantische Tour mit großartigen Weitblicken“, sagt Nicole Zorn rückblickend.
Für zusätzliche Eindrücke sorgte ein Imker. Er informierte die Gruppe über seine Bienenstöcke und schenkte den Teilnehmern Honig aus eigener Herstellung. Über den Grillplatz führte der Weg schließlich zurück nach Eichelsdorf, wo die Kirchengemeinde einen Imbiss vorbereitet hatte.
Die Resonanz fiel durchweg positiv aus. Noch während des Tages gründeten die Teilnehmer eine WhatsApp-Gruppe, um weitere Pilgertouren zu planen. Das bestätigt die Erfahrung vieler Pilger: Wer gemeinsam unterwegs ist, findet nicht nur schöne Wege, sondern oft auch Gemeinschaft, Orientierung und neue Perspektiven.
Für Nicole Zorn war die Veranstaltung zugleich ein besonderer Meilenstein. Obwohl sie vor Beginn ihrer Ausbildung selbst kaum Erfahrungen mit dem Pilgern hatte, arbeitete sie sich mit großem Engagement in das Thema ein. Mit ihrer ersten Tour gelang es ihr, die Idee des Pilgerns erlebbar zu machen: bewusst unterwegs sein, innehalten, die Natur wahrnehmen und sich den Fragen des eigenen Lebens stellen.