Wie können Kirchengemeinden Klimaschutz praktisch und wirtschaftlich umsetzen? Antworten auf diese Fragen zu finden und die Gemeinden auf ihrem Weg zu begleiten, ist die Aufgabe von Andreas Hlasseck, seit Mitte Juli Klimaschutz-Koordinator im Evangelischen Dekanat Büdinger Land. Zur Arbeit nach Nidda kommt der Ingenieur und Umweltwissenschaftler aus Gelnhausen mit Zug und Fahrrad – nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Überzeugung. Derzeit verschafft der 40-Jährige sich einen Überblick über das große Dekanat und die unterschiedlichen Voraussetzungen in den Regionen, lernt Haupt- und Ehrenamtliche kennen.
Im Interview berichtet Andreas Hlasseck, wie er Kirchengemeinden ganz konkret unterstützen will, warum sich nachhaltiges Handeln oft mehrfach auszahlt und weshalb er optimistisch in die Zukunft blickt.
Was macht ein Klimaschutz-Koordinator in einem Dekanat?
Er ist vor allem zur Unterstützung der Kirchengemeinden da, Klimaschutz vor Ort praktisch umzusetzen – mit der Erstellung einer Treibhausgasbilanz, der Beratung, der Vernetzung von Erfahrungen, der Suche nach Fördermöglichkeiten und ganz konkreter Begleitung bei Projekten. Mir persönlich ist es wichtig, Klimaschutz eingebettet in andere Bereiche des Lebens zu denken. Welche Maßnahmen bringen Vorteile in den Kassen der Gemeinden, welche haben einen positiven Effekt auf die Gesundheit, welche nützen der Artenvielfalt, welche sorgen für Schutz vor Hitze und Starkregen, welche motivieren Menschen, gemeinsam Verantwortung für ihre Umwelt zu übernehmen.
Was reizt Sie an der Stelle?
Einen Beitrag zu einem stabilen Klima zu leisten, heißt, meine Mitmenschen und mich vor Überhitzung und Starkregen zu schützen, für ihre und meine Gesundheit zu sorgen. Ich bin dankbar, dass ich als Ingenieur und Umweltwissenschaftler mit meiner Arbeit einen Beitrag dazu leisten darf. Im Dekanat Büdinger Land reizen mich die ländliche Struktur und die Vielfalt der Gemeinden. Es gibt größere Städte wie Nidda und Büdingen und kleine Orte wie Volkartshain mit ganz unterschiedlichen Ausgangslagen.
Worauf freuen Sie sich am meisten?
Auf Gespräche mit den Menschen, die täglich gestalten, im Ehrenamt oder im Hauptamt, in der Kirchengemeinde und darüber hinaus. Zu sehen, wie mit der Schöpfung verantwortungsvoll umgegangen wird, und zu sehen, an welcher Stelle ich unterstützen kann, macht mir Freude und gibt mir Hoffnung. Viele Menschen dieser Region engagieren sich, und es gibt viele Möglichkeiten mitzumachen. Nabu und BUND haben Ortsgruppen, es gibt aktive Energiegenossenschaften, bei denen sich zu investieren lohnt, es gibt zahlreiche Bio-Höfe mit Direktvermarktung. Und nächstes Jahr findet die Landesgartenschau Oberhessen statt. Unser Dekanat hat ein Umweltmanagementsystem eingeführt, um Ressourcen und Kosten zu sparen.
Welche Aufgaben stehen jetzt als erstes an?
Zunächst verschaffe ich mir einen Überblick über die Gemeinden. Welche haben ihre Teilnahme an der Klimaschutz-Koordination bereits erklärt, welche möchten auf den Zug aufspringen? Welche neuen Strukturen ergeben sich aus dem Reformprozess „ekhn2030“? Gleichzeitig möchte ich von Beginn an praktische Erfahrung sammeln, um Kirchengemeinden kompetent zu unterstützen. Zum Beispiel liegen für das Margaretha-Pistorius-Haus bereits tolle Projekte zur Gewinnung sauberer Energien und zu nachhaltiger Mobilität in der Schublade, die es nun umzusetzen gilt.
Wie werden Sie mit den Kirchengemeinden zusammenarbeiten, was können die Gemeinden konkret erwarten?
Jede Gemeinde hat andere Bedürfnisse. Ein Gespräch vor Ort ist dafür ein guter Start. In der hessischen Förderlandschaft kenne ich mich sehr gut aus. In Kombination mit Angeboten der EKHN lässt sich für viele Vorhaben eine solide Finanzierung stricken. Mit Erzeugung und Nutzung sauberer Energien habe ich mich in der Vergangenheit umfassend auseinandergesetzt. Auf dieser Basis kann ich eine Ersteinschätzung zu Gebäuden vornehmen bzw. im nächsten Schritt die passenden Kontakte zur Landeskirche herstellen. Und ich kann über Projekte berichten, die in anderen Gemeinden bereits realisiert wurden.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Büdinger Land?
Insbesondere im ländlichen Raum kann es zu finanziellen Engpässen kommen, sodass nicht jedes Projekt realisierbar ist. Häufig lassen sich Projekte wie eine neue umweltschonende Heizung direkt mit der Erzeugung sauberer Energien verbinden. Durch den unschlagbar günstigen Sonnenstrom lässt sich insbesondere bei hohem Eigenverbrauch viel Geld sparen und Projekte refinanzieren. Überhaupt sind die sauberen Energien auf dem Vormarsch. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 2,2 Billionen (2.200 Milliarden) US-Dollar investiert, etwa doppelt so viel wie in verschmutzende, fossile Energien.
Was bedeutet Klimaschutz in unserer Region ganz praktisch?
Wie Menschen wohnen, wie sie sich bewegen, was sie einkaufen und wie sie sich ernähren, bestimmt, wie sehr oder wie wenig Luft, Wasser und Boden belastet werden. Aus den zugrundliegenden Zahlen leiten sich die wichtigsten Maßnahmen ab. Jedes Dach, das statisch und aus Sicht des Denkmalschutzes geeignet ist, sollte eine Sonnenstromanlage bekommen. Eine direkte Kopplung mit einer Wärmepumpe ist häufig sinnvoll, sei es diejenige, die im Winter die Wärme in das Haus pumpt, oder diejenige, die im Sommer die Wärme als Klimaanlage aus dem Haus raus pumpt. Bei größerem Verbrauch in unmittelbarer Nachbarschaft kann ein Wärmenetz Sinn ergeben. Attraktive Radwege und ein rund laufender öffentlicher Nahverkehr sind in größeren Kommunen des Büdinger Landes wichtig für eine gesunde und saubere Fortbewegung. In den Dörfern wird wohl das Auto das Mittel der Wahl bleiben, ggf. als Car-Sharing. Das drei Mal effizientere Elektroauto wird immer häufiger das Auto der Wahl sein, leise, günstig und ohne Luftverschmutzung.
Was möchten Sie den Menschen im Dekanat mit auf den Weg geben?
Wir sind nicht allein. Menschen machen sich weltweit auf den Weg in eine nachhaltige Zukunft. In Norwegen sind zwei von drei Haushalten mit einer Wärmepumpe ausgestattet. Pakistan hat 2024 fast genauso viele Sonnenstromanlagen gebaut wie Deutschland. Äthiopien hat Anfang 2024 den Import von Autos mit Benzin- oder Dieselmotor verboten. Die Modernisierung läuft an vielen Orten gleichzeitig. Ganze Regionen und Länder machen sich unabhängig von teuren Energieimporten. Das gibt Grund zur Hoffnung.
Was würden Sie jemandem antworten, der sagt „Was kann unsere kleine Kirchengemeinde denn schon fürs Klima bewirken?“
Angesichts von acht Milliarden Menschen auf dem Planeten, kann einem schon schwindelig werden, wenn man sich ansieht, wie klein der Einfluss eines einzelnen Menschen ist. Auf der anderen Seite haben viele einzelne Beiträge erst dazu geführt, dass (zu) viel Kohle, Öl und Gas verbrannt wurden. Jeder Beitrag zählt, jede durch Vorsorge vermiedene Dürrephase oder Starkregen hilft dabei, dass sich Menschen an veränderte klimatische Bedingungen anpassen können. Und je häufiger die Kooperation hier vor Ort gelingt, desto wahrscheinlicher wird sie letztendlich auch im Großen gelingen.
Zum Projekt:
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat sich zum Ziel gesetzt, ihre Treibhausgasemissionen um 90 Prozent bis 2035 zu verringern und bis Ende 2045 treibhausgasneutral zu sein. Daher verstärkt sie ihren personellen als auch materiellen Einsatz. Im Rahmen eines vierjährigen Projekts wurden in sieben Dekanaten, darunter das Büdinger Land, Personalstellen zur Klimaschutz-Koordination geschaffen, die den Klimaschutz regional ausbauen und intensivieren sollen. Im engen Austausch mit den entsprechenden Fachstellen in den Dekanaten sowie in Kooperation mit weiteren regionalen bzw. kommunalen Organisationen und Einrichtungen wird der Weg zur Klimaneutralität strategisch und aktiv angegangen. Gefördert wird das Projekt durch die Kommunalrichtlinie der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) des Bundesumweltministeriums sowie durch den Zukunftsfonds der EKHN.
Zur Person:
Andreas Hlasseck hat seine beiden Ausbildungen im Bereich Maschinenbau und in Angewandten Umweltwissenschaften absolviert. Von 2013 bis 2023 hat er als Projektingenieur bei einer Firma in Offenbach gearbeitet. Bis vergangenen Monat hat er sich in einer hessischen Kommune um Wärmeplanung, Aktualisierung und Umsetzung des Klimaschutzkonzepts sowie um die Verbesserung von Radverkehr und Elektromobilität gekümmert. Mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern wohnt er in Gelnhausen-Meerholz.