Kirche und Glaube ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Schon als Junge in Gedern, wo er aufwuchs, hat Rolf Hartmann im Kindergottesdienst geholfen, später die kirchliche Jugendarbeit in der Region mit aufgebaut. Heute, mit fast 75 Jahren, steht er als Präses ehrenamtlich an der Spitze des Dekanatssynodalvorstands und gestaltet den Reformprozess „ekhn2030“ und Strukturveränderungen im Evangelischen Dekanat Büdinger Land maßgeblich mit – in einem Spannungsfeld zwischen Abschied und Aufbruch. Ende Februar hat ihm Kirchenpräsidentin Christiane Tietz mit der Ehrennadel der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau für dieses außerordentliche Wirken in der und für die Kirche gedankt.
Herr Hartmann, was bedeutet es, evangelisch zu sein?
Zunächst bin ich evangelisch, weil ich als Kind evangelischer Eltern geboren wurde. Meine beiden Großväter waren übrigens evangelische Pfarrer, ich habe sie aber nicht kennengelernt. Ich bin froh, dass ich evangelisch bin, denn ich denke diese Freiheit, die die evangelische Kirche bietet findet sich im Christentum ansonsten nicht. Das war zugegebenermaßen nicht immer so. In meiner Jugend war auch unsere Kirche noch sehr konservativ.
Im Mai werden Sie 75 Jahre alt. Seit Ihrer Jugend bekleiden Sie Ehrenämter in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Weshalb ist Ihnen dieses kirchliche Engagement so wichtig?
Mein Engagement hat sich entwickelt. Zu meiner Jugend gab es im Dekanat Schotten, zu dem auch Gedern gehörte, den Jugenddiakon Hans Marx. Der hat mich schon in früher Jugend geprägt und gezeigt, dass Glauben mehr ist als nur sonntägliche Gottesdienstbesuche. Ich bin dann über Jungschar und Jugendkreis in verschiedene Funktionen hineingewachsen. Grundlage für mein Engagement ist mein Glaube. Ich weiß mich von Gott geborgen und behütet, egal, was passiert. Das war auch schon in meiner Jugend so. Ich denke zwar, wie Luther, dass wir nicht durch Werke zur Seligkeit kommen. Wenn aber Gott uns Begabungen und Chancen gegeben hat, sollten wir diese auch für ihn nutzen.
Die Kirche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Wie gelingt es Ihnen als Vorsitzendem des Dekanatssynodalvorstands, zwischen Abschied und Aufbruch zu vermitteln?
Wenn wir nachdenken, befindet sich die Welt im Wandel und das schon seit ihrem Bestehen. Das gilt auch für die Kirche, die in über 2000 Jahren schon viele Veränderungen mitgemacht hat. Von der kleinen Schar der ersten Anhänger Jesu bis zur sehr großen Kirche. Die Reformation war eine der wichtigen Veränderungen. Die evangelische Kirche in meiner Jugend hat sich auch schon verändert. Von einer konservativen Volkskirche zu einer offenen Kirche mit vielen Möglichkeiten. Die Kirche muss sich auf veränderte Gegebenheiten einstellen, so wie wir das alle auch in unserem Leben tun. Wichtig ist, dass das Fundament erhalten bleibt. Das ist das Evangelium.
Bleiben wir bei den Veränderungen. Im Zuge von „ekhn2030“ ist das Dekanat neu strukturiert worden: Aus 76 Kirchengemeinden sind sieben Nachbarschaftsräume entstanden, Verkündigungsteams arbeiten gemeindeübergreifend. Wie entwickelt sich diese neue Struktur – und welche Erfahrungen machen Sie bisher?
Wir sind keine Kirche der Direktiven. Das bedeutet, dass jeder Nachbarschaftsraum eine große Freiheit der Gestaltung hat. Das gilt sowohl für die Rechtsform als auch für die inhaltliche Arbeit. Daraus folgt, dass sich unsere Nachbarschaftsräume mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickeln. Der Nachbarschaftsraum Rund um Konradsdorf hat sich bereits zu einer Kirchengemeinde zusammengeschlossen. Andere sind von guter Zusammenarbeit noch weit entfernt.
Mit Blick auf die Kirchenvorstandswahlen im Juni kommenden Jahres: Wie optimistisch sind Sie angesichts der angesprochenen Veränderungen, dass sich ausreichend Engagierte finden, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen?
Kirchenvorstandswahlen in unserer Kirche sind zum einen wichtig, weil die Kirchenvorstände die Gemeinde tatsächlich leiten. Sie haben darüber hinaus auch Bedeutung, weil die Kirchenvorstände in den Gemeinden auch die Kernzelle für Aktivitäten bilden. Wenn wir in einer Gemeinde aktive Kirchenvorstände haben, dann zieht das die Gemeinde mit. Schon bei den letzten Wahlen hat sich gezeigt, dass es nicht einfach ist, genügend Kandidaten zu finden. Auch im nächsten Jahr werden uns die Bewerber nicht die Türe einrennen. Gerade in den Nachbarschaftsräumen, in denen wir es mit einer fusionierten Gemeinde oder einer Gesamtkirchengemeinde zu tun haben, sehe ich wenig Probleme, ausreichend Kandidaten zu finden. Da, wo das nicht der Fall ist, brauchen wir eine größere Anzahl von Mitgliedern. Ich habe Bedenken, dass die gefunden werden. Dann werden diese Gemeinden ihre Entscheidung zur Rechtsform überdenken müssen.
Die Risse in unserer Gesellschaft sind kaum zu übersehen. Warum wird die Kirche in Zeiten von sozialer Spaltung, Zukunftsangst, Einsamkeit und Polarisierung kaum noch als orientierende und verbindende Kraft wahrgenommen? Was müsste sich ändern, damit sie wieder mehr Relevanz für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bekommt?
Die Kirchen sind in unserer Gesellschaft noch immer eine moralische Instanz. Sie werden gehört. Leider haben sie in der Vergangenheit, insbesondere durch ihre Probleme mit sexualisierter Gewalt, viel Vertrauen verspielt. Dieses Vertrauen müssen wir zunächst wieder zurückgewinnen. Das können wir auch nicht der Institution überlassen, sondern jeder, der sich zur Kirche bekennt, sollte da mithelfen.
Darüber hinaus muss Kirche aus ihrer Blase herauskommen und noch mehr Räume schaffen, um die Menschen abzuholen. Räume sind dabei nicht nur wörtlich gemeint. In unserem Dekanat versuchen wir das auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Facetten. Nur wer mit den Menschen im Gespräch ist, kann sie gewinnen.
In Zeiten eines spürbaren Rechtsrucks und wachsender antidemokratischer Tendenzen stellt sich neu die Frage: Wie politisch darf oder muss Kirche sein? Sollte sie sich klarer zu Themen wie Menschenwürde, Gerechtigkeit und Demokratie positionieren – oder stärker bei ihrem geistlichen Auftrag bleiben?
In der Bibel heißt es: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ (1.Moses 1,27). Das heißt nicht nur der weiße heterosexuelle Deutsche ist ein Ebenbild Gottes, sondern jeder Mensch, gleich welcher Hautfarbe, welcher Herkunft, welcher sexuellen Präferenz, behindert oder nicht, arm oder reich. Das zeigt doch, dass Kirche überhaupt nicht politisch ist, wenn sie sich für die Gleichheit und Menschenwürde einsetzt, sondern das Evangelium verkündet. Und was die Demokratie angeht, so kenne ich keine andere Staatsform, in der die Menschenwürde so geachtet wird.
Welche Entwicklungen stimmen Sie zuversichtlich für die Zukunft der Kirche?
Mich stimmen viele Begegnungen mit Mitgliedern unserer Kirche zuversichtlich, in denen ich merke, dass wir immer noch Viele sind, die den Glauben bekennen und weitertragen.