Partnerschaft spürbar belebt

veröffentlicht 19.06.2026 von Judith Seipel und Susann Franke, Kirche im Evangelischen Dekanat Büdinger Land

Eine zehnköpfige Delegation aus der indischen Partnerdiözese East Kerala hat die die beiden Dekanate Büdinger Land und Vogelsberg besucht.

„You all were very sweet“, sagte der junge indische Pfarrer Ebenezer Gunaseelan sichtlich bewegt am letzten Abend seines Besuchs in Oberhessen im Margaretha-Pistorius-Haus in Nidda. Dort kamen die zehnköpfige indische Delegation und ihre deutschen Gastgeber zusammen. Sie blickten auf zwei intensive Wochen voller Begegnungen und neuer Eindrücke zurück, bevor es am nächsten Morgen mit dem Flugzeug zurück in die Heimat ging. 

Im Mittelpunkt des zweiwöchigen Partnerschaftsbesuchs in den Evangelischen Dekanaten Büdinger Land und Vogelsberg stand das Thema Bildung. Vorbereitet und begleitet haben den Besuch die beiden Ökumene-Referentinnen Elisabeth Engler-Starck aus dem Büdinger Land und Dr. Carolin Braatz aus dem Vogelsberg. Auch ihr Resümee fällt durchweg positiv aus. Offenheit und Vertrauen seien auf beiden Seiten groß gewesen. Trotz eines straff organisierten und vollen Programms hätten „alle alles mitgemacht und durchgehalten“. 

Die beiden Dekaninnen Birgit Hamrich (Büdinger Land) und Dr. Dorette Seibert (Vogelsberg) sind sich einig: „Diese Begegnung hat die seit über 35 Jahren bestehende Partnerschaft mit der Diözese East Kerala spürbar belebt.“ 

Neue Perspektiven

In diesen 14 Junitagen wurde deutlich, wie viel mehr eine Partnerschaft sein kann als ein regelmäßiger Besuchsrhythmus. Immer wieder war von dem Wunsch die Rede, voneinander zu lernen, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln und die Verbindung „auf das nächste Level zu heben“. Die eigene Wirklichkeit durch die Augen der Gäste neu zu entdecken, sei für sie „die nachhaltigste Erfahrung der Begegnung gewesen“, sagte Birgit Hamrich. 

Die Diözese East Kerala gehört zur Church of South India, kurz CSI. Das ist eine große protestantische Kirche, die unterschiedliche kirchliche Traditionen vereint. Ihr Selbstverständnis beschreibt sie mit den Worten „united and uniting“ – vereint und zugleich weiter verbindend. Dieser Gedanke hat auch Hamrich beeindruckt. „Das würde ich mir für uns auch wünschen.“ 

Schwerpunktthema des Besuchs war Bildung. Die Gäste besuchten die Grundschule in Hammersbach, das Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen, die Evangelische Hochschule Darmstadt, die Jugendwerkstatt und die Junge Kirche Gießen sowie weitere kirchliche Bildungs- und Jugendeinrichtungen. Im Zentrum stand dabei die Frage: Was können wir voneinander lernen? 

Aufschlussreich waren die Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen. Beim Jugendkirchentag in Alsfeld, der zeitgleich mit dem Besuch im Vogelsberg stattfand, staunten die Gäste über die aktive Rolle junger Menschen. Dass Jugendliche selbst Gottesdienste gestalten und Verantwortung übernehmen, ist in dieser Form in Indien eher ungewöhnlich. 

Für Dorette Seibert war insbesondere die Begegnung mit den Jugendlichen ein wichtiger Teil des Besuchs. „Der Jugendkirchentag hat gezeigt, wie lebendig Kirche sein kann, wenn junge Menschen ihre eigenen Ideen einbringen und Verantwortung übernehmen. Dass unsere Gäste dies so intensiv miterleben konnten, war ein großer Gewinn für die Begegnung“, sagte sie. Die Offenheit und das Interesse, mit denen die Delegation die Veranstaltungen wahrnahm, hätten viele Gesprächs ermöglicht und neue Perspektiven eröffnet.

Auch die deutschen Gastgeber nehmen neue Perspektiven mit. So erzählte Birgit Hamrich, wie ein kleines Detail sie nachdenklich stimme: Die indischen Gäste ziehen vor dem Betreten des Altarraums ihre Schuhe aus. „Wir stehen auf heiligem Boden“, lautet die dahinterstehende Haltung. Für sie sei das ein wertvoller Impuls, so Hamrich: „Wenn wir darüber sprechen, wie wir unsere Kirchen öffnen, dürfen wir das Heilige nicht aus dem Blick verlieren.“ 

Women Empowerment

Beeindruckt waren die indischen Gäste von der Rolle der Frauen in der EKHN. Bei ihrem Aufenthalt begegneten sie Frauen in nahezu allen kirchlichen Leitungsämtern: von Kirchenpräsidentin Dr. Christiane Tietz und ihrer Stellvertreterin Ulrike Scherf über Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer bis zu den Dekaninnen Dorette Seibert und Birgit Hamrich sowie ihren ständigen Begleiterinnen Elisabeth Engler-Starck und Carolin Braatz. Das erlebte „Women Empowerment“, das Selbstbewusstsein und das selbstverständliche Auftreten von Frauen in Leitungsverantwortung würdigten die Gäste ausdrücklich. 

In der Diözese East Kerala ist Frauenordination zwar grundsätzlich möglich, aber bislang noch wenig verbreitet.  

Ein Thema, das beide Seiten weiter beschäftigen wird, ist die Bildungsarbeit der Diözese East Kerala. Viele Kinder in abgelegenen Regionen haben keine weiterführenden Schulen in erreichbarer Nähe. Deshalb unterhält die Kirche Wohnheime, in denen Mädchen und Jungen zwischen fünf und 17 Jahren leben können. Die Dekanate unterstützen diese Arbeit seit Jahren. In der Vergangenheit konnten über das Freiwilligendienst-Programm „weltwärts“ bereits drei junge Menschen aus East Kerala in den beiden hessischen Dekanaten begrüßt werden. 

Während des Partnerschaftsbesuchs entstand nun die Idee, diesen Freiwilligendienst zu beleben und vielleicht sogar in einen Austausch zu verwandeln: Junge Menschen aus Deutschland könnten dann in Kerala zum Beispiel Deutschunterricht anbieten. Das könnte die Attraktivität der Schule steigern. Zugleich könnten sie wertvolle interkulturelle Erfahrungen sammeln. Auch die Möglichkeit eines Jugendaustauschs für junge Erwachsene wollen Elisabeth Engler-Starck und Carolin Braatz prüfen. 

Mindestens ebenso wichtig wie das offizielle Programm waren die persönlichen Begegnungen und der Einblick in den deutschen Alltag. Die Gastgeberinnen und Gastgeber im Vogelsberg und im Büdinger Land erlebten den Austausch als Bereicherung. Viele berichteten von intensiven Gesprächen über Glauben, Kirche und gesellschaftliche Herausforderungen. Dabei seien nicht nur Unterschiede deutlich geworden, sondern auch gemeinsame Anliegen. „Partnerschaft lebt von persönlichen Beziehungen. Gerade die Begegnungen im Alltag, in den Familien und Gemeinden schaffen Vertrauen und lassen Menschen voneinander lernen“, betonte Dorette Seibert.

Ulrike Pfeiffer-Pantring und Dr. Detlef Pantring beispielsweise waren Gastgeber für Ebenezer Gunaseelan und auch für Joby Baby. „Ich war vorher so aufgeregt, ob alles klappen würde“, sagte Ulrike Pfeiffer-Pantring, „vollkommen unnötig, es war so eine bereichernde Woche, auch in Bezug auf den Glauben, den unsere Gäste so intensiv leben.“ Für Birgit Hamrich zeichnet sich der Austausch genau durch „diese Begebenheiten am Rand, die nicht geplant, aber so wichtig“ sind, aus. 

Dank an die Unterstützer

Das positive Fazit ist verbunden mit einem großen Dank an die vielen Haupt- und Ehrenamtlichen aus beiden Dekanaten, die zum Gelingen des Besuchs beigetragen haben. Zugleich nahmen die Verantwortlichen eine wichtige Erkenntnis mit: Beim nächsten Mal soll es weniger Programm und mehr Zeit für persönliche Begegnungen geben.

Mit Blick auf die Zukunft sehen die beiden Dekaninnen großes Potenzial für die weitere Zusammenarbeit. „Die Partnerschaft wird dann lebendig, wenn Menschen einander begegnen und bereit sind, sich auf neue Sichtweisen einzulassen“, so Dorette Seibert.

2028 soll die nächste Reise nach Indien stattfinden. Die Vorbereitungen beginnen schon bald.

Der Partnerschaftsbesuch in Bildern