„Welche Kirche wollen wir sein?“

veröffentlicht 08.11.2026 von Judith Seipel, Kirche im Evangelischen Dekanat Büdinger Land

Vier Jahre „ekhn2030“ haben die Kirchengemeinden im Evangelischen Dekanat Büdinger Land verändert. Was soll daraus wachsen? Und vor allem: Welche Kirche wollen wir sein? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Synode des Evangelischen Dekanats Büdinger Land, die jetzt in Nidda tagte.

„Sie haben unglaublich viel geschafft und auf den Weg gebracht.“ Mit diesen Worten würdigten Dekanin Birgit Hamrich und Präses Rolf Hartmann die Arbeit der vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die in den vergangenen vier Jahren den Transformationsprozess ekhn2030 im Evangelischen Dekanat Büdinger Land gestaltet und getragen haben. Was 2022 noch mit vielen Fragen und Unsicherheiten verbunden war, ist inzwischen zum kirchlichen Alltag geworden: Sieben Nachbarschaftsräume sind entstanden, neue Rechtsformen wurden gefunden, multiprofessionelle Verkündigungsteams gebildet und gemeinsame Gemeindebüros auf den Weg gebracht. Vieles ist geschafft, manches muss sich noch einspielen. Doch der Boden für Neues ist bereitet. Was kann daraus wachsen? Und vor allem: Welche Kirche wollen wir sein? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Synode des Evangelischen Dekanats Büdinger Land, die am Samstag in Nidda tagte.

Veränderung
braucht Entlastung

Bei aller Freude über das Erreichte verschwieg Dekanin Hamrich die Belastungen nicht, die der Wandel mit sich bringt. Unbesetzte Stellen, zusätzliche Verantwortung und die hohe Arbeitsbelastung derjenigen, die den kirchlichen Alltag aufrechterhalten, bereiten ihr große Sorge. Inzwischen trägt nahezu jede Pfarrperson neben den eigenen Aufgaben weitere Verantwortung mit. Besonders schwierig sei die Situation im Nachbarschaftsraum Schotten-Ulrichstein. Auch Kirchenvorstände und Ehrenamtliche bekämen die Folgen zu spüren. „Solidarität darf nicht dazu führen, dass die Erschöpfung der Menschen übersehen wird“, mahnte die Dekanin. Veränderung brauche deshalb nicht nur Engagement, sondern auch Entlastung und einen achtsamen Umgang miteinander.

Gleichzeitig sei in den vergangenen Jahren viel gewachsen: neue Verbindungen, ein stärkeres Wir-Gefühl und die Bereitschaft, über die eigene Gemeinde hinaus Verantwortung zu übernehmen. Präses Hartmann erinnerte daran, wie viel Arbeit hinter den Veränderungen steckt. Menschen hätten nach Feierabend und neben Beruf und Familie Unterlagen gelesen, Fragen gestellt, Bedenken geäußert, miteinander diskutiert und nach Lösungen gesucht. „Das ist Ihr Verdienst“, sagte er und dankte ausdrücklich allen, die den Prozess mitgetragen haben. Der gemeinsame Rückblick sollte deshalb nicht nur würdigen, was geleistet wurde, sondern auch Mut machen, den Weg weiterzugehen.

Wie Kirche künftig aussehen kann, beschrieb Hamrich mit ihrem Plädoyer für eine „Kirche mittendrin“. Der sonntägliche Gottesdienst um zehn Uhr bleibe ein wichtiger Ort des Glaubens, sei aber längst nicht mehr der einzige Mittelpunkt kirchlichen Lebens. Kirche müsse dorthin gehen, wo Menschen sind: in Kneipen, auf Feste und an andere Orte, an denen sie zusammenkommen. Ein Kneipengottesdienst in Rinderbügen, ein Segensteam auf einer Festmeile oder offene Kirchen zeigten, wie das aussehen kann. Es gehe darum, präsent und ansprechbar zu sein und das Leben vor Ort mitzugestalten.

Priestertum
aller Glaubenden

Besonders am Herzen liegt der Dekanin dabei das Priestertum aller Glaubenden. Menschen sollen nicht nur Adressaten kirchlicher Angebote sein, sondern selbst mit ihren Erfahrungen, Fragen und Begabungen das Gemeindeleben prägen. Das gilt ausdrücklich auch für Gottesdienste. Hamrich warb dafür, mehr Menschen an Gebeten, biblischen Auslegungen, Musik und Verkündigung zu beteiligen. „Es gibt in der Kirche grundsätzlich keine Nicht-Theologen“, zitierte sie den evangelischen Theologen Karl Barth. Glaube und die Frage nach Gott gehörten der ganzen Gemeinde. Es gehe ihr nicht darum, fehlendes hauptamtliches Personal durch Ehrenamtliche zu ersetzen, sondern darum, die unterschiedlichen Gaben und Perspektiven der Menschen ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Auch Begegnungsorte, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, einander zuhören und sich mit den Fragen unserer Zeit auseinandersetzen können, seien wichtig.

Dass die Zusammenarbeit über bisherige Gemeindegrenzen hinweg neue Perspektiven eröffnet, wurde auch im Bericht aus den Nachbarschaftsräumen deutlich. Horst Kaltenschnee, Kirchenvorstandsvorsitzender aus Herrnhaag, berichtete von seinen Erfahrungen im Nachbarschaftsraum Büdingen. Der Blick über den eigenen Tellerrand lohne sich, lautete sein Fazit. Im Nachbarschaftsraum sei man „zuversichtlich und mit wachsendem Vertrauen“ unterwegs.

„Geben Sie guten
Ideen eine Chance“

Mit Blick auf die Kirchenvorstandswahl 2027 gewinnt die Frage „Welche Kirche wollen wir sein?“ zusätzliche Bedeutung. Für Hamrich ist sie eine Einladung, nicht nur über Strukturen und Zuständigkeiten nachzudenken, sondern darüber, wofür Kirche steht und was sie Menschen anbieten kann. Ein Familienzentrum, ein Jugendhaus, ein Mittagstisch, ein Musikangebot oder ein Gottesdienst an einem ungewöhnlichen Ort: Es gebe viele Möglichkeiten, Menschen einzuladen und Gemeinschaft zu schaffen. „Geben Sie guten Ideen eine Chance. Sprechen wir so miteinander über unsere Kirche, dass Menschen Lust bekommen, dabei zu sein“, appellierte sie. Ihre Botschaft: Nicht die Sorgen und das, was nicht mehr geht, sollen den Blick bestimmen, sondern auch die Möglichkeiten, die in den neuen Formen der Zusammenarbeit liegen.

Zum Abschluss wurde der Dank für das Geleistete auch sichtbar: Für jeden der sieben Nachbarschaftsräume hatte der Eine-Welt-Laden eine Geschenkebox zusammengestellt. Vertreterinnen und Vertreter der Räume nahmen die Präsente entgegen und sollten den Dank mit in ihre Gemeinden und Teams tragen. Anschließend stießen die Synodalen gemeinsam an – auf das, was gelungen ist, auf die Menschen, die es möglich gemacht haben, und auf das, was jetzt wachsen kann.

Hier gibt's noch ein paar Bilder von der Synode