Wenn die Batterie leer ist

veröffentlicht 26.06.2026 von Judith Seipel, Kirche im Evangelischen Dekanat Büdinger Land

In der Seniorentagesstätte Am Wannberg in Hirzenhain bietet eine Gesprächskreis für pflegende Angehörige bietet Raum für Austausch und Entlastung.

„Ich stoße im Moment an meine Grenzen“, sagt Ingrid*. Die Endsechzigerin kümmert sich seit Jahren um ihre betagte Mutter, die im Rollstuhl sitzt und trotz ihrer Einschränkungen noch immer gerne den Ton angibt. Heute hat Ingrid sich im Gesprächskreis für pflegende Angehörige einmal alles von der Seele geredet: die Anstrengung, die Sorgen und auch den Frust, der sie manchmal überkommt.

„So hatte ich mir meinen Ruhestand nicht vorgestellt“, gibt sie zu. Die zwei Tage in der Woche, an denen ihre Mutter die Seniorentagesstätte Am Wannberg in Hirzenhain besucht, seien für sie eine große Entlastung. „Dann kann ich in Ruhe im Garten arbeiten oder mit meinem Mann einen schönen Tag verbringen.“

Solche Erfahrungen stehen im Mittelpunkt des Gesprächskreises. Initiiert wurde das Angebot von Astrid Pfarschner, zuständig für Alten-, Demenz- und Hospizseelsorge im Evangelischen Dekanat Büdinger Land, sowie Tagesstättenleiter und Geschäftsführer Rüdiger Plock, Geschäftsführer Christopher Zinn und Pflegedienstleiterin Heike Ferger der Seniorentagesstätte Am Wannberg. 

„Wir wollen niemandem ein Konzept aufdrücken, sondern erst einmal hören, was die Leute beschäftigt“, erklärt Astrid Pfarschner. „Hier können sie in einem geschützten Raum ihr Herz ausschütten, ohne bewertet zu werden. Sie treffen auf Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen.“ Viele Angehörige seien erleichtert, wenn sie hören, dass Erschöpfung, Überforderung oder Verzweiflung keine persönlichen Schwächen seien, sondern Erfahrungen, die viele Pflegende teilen.

Tatsächlich tragen Angehörige einen Großteil der häuslichen Pflege in Deutschland. Oft leisten sie diese Aufgabe über Jahre hinweg – zusätzlich zu Beruf, Familie und eigenen gesundheitlichen Herausforderungen. Besonders belastend ist die Betreuung von Menschen mit Demenz. „Viele sagen uns, dass sie sich nie hätten vorstellen können, wie anstrengend das Leben mit einem demenzkranken Menschen sein kann“, berichtet Heike Ferger. „Man hat nie Feierabend. Man ist ständig auf Abruf.“

Richard, der einzige Mann unter den Angehörigen, berichtet erleichtert, dass seine demente Frau nachts ruhig schläft, wenn sie den Tag in Hirzenhain verbracht hat. Renate kennt andere Nächte. Ihr Mann steht manchmal mehrmals auf, weil er glaubt, zu seinen längst verstorbenen Eltern auf den Bauernhof fahren und die Tiere versorgen zu müssen. Deshalb räumt Renate jeden Abend seine Kleidung weg. „Wenn er die findet, zieht er sich an und will los.“

Neben den praktischen Herausforderungen geht es auch um tiefere Fragen. Wie lange werde ich die Pflege noch schaffen? Was passiert, wenn ich selbst krank werde? Zu erleben, wie das wichtigste Gegenüber mit der Krankheit Demenz nach und nach verlorengeht, ist schmerzhaft. 

Dass pflegende Angehörige ihre eigene Erschöpfung häufig lange nicht wahrnehmen, beobachtet Christopher Zinn immer wieder. „Die rudern und rudern und kommen da gar nicht mehr raus. Meist sieht man erst von außen, wie erschöpft sie tatsächlich sind.“ Ein ständiger Begleiter sei zudem das schlechte Gewissen: Habe ich genug getan? Habe ich die richtige Entscheidung getroffen?

Gerade deshalb sei es wichtig, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, betont Astrid Pfarschner: „Man kann nur gut für andere sorgen, wenn man auch gut für sich selbst sorgt. Wenn die Batterie leer ist, muss man sehen, dass man sie wieder auflädt. Sonst läuft das ganze System aus dem Ruder.“

Deshalb steht die Seniorentagesstätte Am Wannberg auch Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite. Vor 15 Jahren war die Einrichtung die erste ihrer Art im Wetteraukreis. Als inhabergeführtes Haus – ohne Zugehörigkeit zu einem größeren Träger – hat sie sich etabliert. Heute besuchen rund 45 Gäste die Tagesstätte von ein- bis fünfmal pro Woche. Ein eigener Fahrdienst bringt die Gäste zuverlässig nach Hirzenhain und wieder nach Hause. Mit größtmöglicher Flexibilität: „Langschläfer werden später abgeholt“, berichtet sagt Pflegedienstleiterin Ferger.

In der Tagesstätte erwartet sie eine feste Struktur mit Gymnastik, Gedächtnistraining, gemeinsamen Koch- und Backangeboten. Dreimal pro Woche kommt ein Gitarrist zum Singen. Betreut werden keineswegs nur Menschen mit Demenz, auch wenn die Einrichtung in der Öffentlichkeit häufig darauf reduziert wird. Nach einem Schlaganfall, bei Einsamkeit oder anderem Unterstützungsbedarf finden ganz unterschiedliche Menschen hier Gemeinschaft und Betreuung.

Die familiäre Atmosphäre gehört zum Markenzeichen des Hauses. Spitzendeckchen auf den Tischen, Landschaftsgemälde an den Wänden und eine Einrichtung im Stil der 1960er- bis 1980er-Jahre schaffen eine vertraute Umgebung. Christopher Zinn nennt ein weiteres großes Plus: „Wenn wir etwas haben, dann ist es Zeit.“ 

Info

Mit dem Gesprächskreis wird das Angebot nun um einen wichtigen Baustein erweitert. Der Kreis trifft sich an jedem dritten Dienstag im Monat von 17 bis 19 Uhr in den Räumen der Tagesstätte und steht allen pflegenden Angehörigen offen – unabhängig davon, ob die betreute Person die Einrichtung besucht oder nicht. Die Teilnahme ist kostenfrei.

*Die Namen der Angehörigen wurden zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert.