„Wie gut, dass du da warst“

veröffentlicht 20.06.2026 von Judith Seipel, Kirche im Evangelischen Dekanat Büdinger Land

Zeit schenken, zuhören, Trost spenden – Über den Besuchsdienst im Kreiskrankenhaus Schotten, der dringend Verstärkung sucht.

Manchmal braucht es mehr, als eine gute medizinische Versorgung: Menschen, die Zeit schenken, zuhören und trösten. Diese Aufgabe übernimmt im Kreiskrankenhaus Schotten ein ökumenischer Besuchsdienst. „Wir möchten Menschen in schwierigen Lebenssituationen nicht allein lassen“, sagt Angelika Seichter, die seit acht Jahren dabei ist. Sie koordiniert und leitet die kleine ehrenamtlich tätige Gruppe, der aktuell vier Frauen angehören. 

Jeden Donnerstag um 9.30 Uhr treffen sie sich im „Raum der Stille“ im Untergeschoss des Krankenhauses und bereiten sich auf die Besuche auf den Stationen vor. Ein gemeinsam gesprochenes Gebet gehört stets dazu.

Ein wenig Nervosität darf sein, denn „wir wissen ja nicht, was uns hinter der Tür erwartet“, sagt Monika Bress. In den zehn Jahren, die sie mittlerweile schon Patienten besucht, hat sie gelernt, mit dieser Ungewissheit umzugehen. „Wenn jemand keinen Gesprächsbedarf hat, dann ist das vollkommen in Ordnung. Das darf man nicht persönlich nehmen“, sagt sie. Gerade jüngere Menschen seien meist gut aufgefangen durch Familie oder Freunde, „die winken ab und brauchen unsere Begleitung nicht“. 

Elke Günther, gelernte Kinderkrankenschwester mit Erfahrung in der Kinderhospizarbeit, ist erst seit wenigen Monaten im Schottener Besuchskreis aktiv und räumt ein, dass es sie noch Überwindung kostet, an die Tür von Patientenzimmern zu klopfen. Dennoch ist sie von ihrer Aufgabe überzeugt.

In der Summe ist die Erfahrung der Frauen positiv. „Hallo, setzen sie sich doch mal ein bisschen zu mir“, habe ihr eine betagte Patientin einmal zugerufen und zu erzählen begonnen, berichtet Angelika Seichter. „Das Pflegepersonal kann so etwas in einem straff organisierten Krankenhaus-Alltag gar nicht leisten.“

Gerade alte Menschen, die sich in der Klinik plötzlich mit der – lange verdrängten – Tatsache konfrontiert sehen, dass es daheim alleine nicht mehr geht, seien unendlich dankbar, sich ihre Angst und ihre Trauer von der Seele reden zu können, „zumal, wenn ein familiäres Umfeld fehlt“, ergänzt Angelika Seichter. 

Eine große Rolle spielt auch die Diagnose. „Wer eine neue Hüfte oder ein neues Knie bekommen hat, weiß, dass es bald wieder bergauf geht.“ Wer aber von jetzt auf gleich aus seinem Alltag gerissen und mit dem Rettungswagen eingeliefert wurde oder von einer lebensverkürzenden Erkrankung erfahren hat, sei in existenzieller Not. „Dann ist es wichtig, einfach da zu sein und mit den Patienten auszuhalten, dass es auf das Warum keine Antwort gibt“, so Angelika Seichter. 

Manchmal werden sie vom Pflegepersonal informiert, wer besonderen Zuspruch braucht, sei es, weil der Patient oder die Patientin keine Angehörigen hat oder gerade eine ungünstige Prognose erhalten hat. „Dann sind wir natürlich da.“ Alle Zimmer des 142-Betten-Hauses sind für den kleinen Kreis nicht zu schaffen. Eine gute Stunde sehen sie für den wöchentlichen Rundgang durchs Haus vor, „aber meistens dauert es doch länger“, sagt Monika Bress.

Was motiviert die Frauen, sich auf die Schicksale anderer Menschen einzulassen und ihnen beizustehen? „Das ist eine Glaubenseinstellung“, sagt die Katholikin Monika Bress. „Wenn man sagt, man ist Christ, dann sollte man das auch nach außen zeigen.“ Angelika Seichter pflichtet ihr bei. „Meine Motivation ist Dankbarkeit. Nach einer persönlichen Krise habe ich diese Arbeit mit großem Herzklopfen begonnen, aber heute weiß ich: Das ist mein Auftrag.“

Früher, bedauern sie, war die Gruppe doppelt so groß. „Es wäre schön, wenn sich weitere Männer und Frauen unserem Kreis anschließen“, hofft Angelika Seichter. Eine Ausbildung sei dafür nicht erforderlich, „es hilft, wenn man das Leben schon verstanden hat“. Hilfreich sei außerdem eigene Krankenhauserfahrung. „Dann weiß man doch, was man sich in einer solchen Situation wünscht.“

„Man braucht schon ein Herz dafür“, findet Monika Bress. „Wenn ich das Krankenhaus verlasse, denke ich jedes Mal: Wie gut, dass Du da warst.“ 

Info

Wer sich für eine Mitarbeit interessiert, kann bei den Damen hospitieren und den Besuchsdienst versuchsweise begleiten. Am besten schreibt man eine E-Mail an Angelika Seichter: angelika.seichter(at)web.de oder kommt am Donnerstag, 25. Juni, um 10 Uhr zum nächsten Frühstückstreff des Besuchsdienstes in das Café CaRe in der Schottener Parkstraße. An diesem Treffen, das einmal im Quartal stattfindet, nimmt auch Astrid Pfarschner teil. Sie leitet die Fachstelle für Alten-, Demenz- und Hospizseelsorge des Evangelischen Dekanats Büdinger Land und steht der Gruppe beratend und unterstützend zur Seite.