Wie bleibt man im Gespräch, wenn Meinungen auseinandergehen? Wie lernt man streiten, ohne zu verachten? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung im Parksaal Bad Salzhausen mit dem Historiker, Publizisten und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, der Politologin, Publizistin und Antirassismus-Expertin Saba-Nur Cheema sowie der hessischen Staatssekretärin Katrin Hechler. Fragen, die offensichtlich viele Menschen bewegen, denn trotz Temperaturen nahe der 30-Grad-Marke mussten zu den 120 vorbereiteten Stühlen weitere Plätze geschaffen werden.
Meron Mendel und Saba-Nur Cheema bringen unterschiedliche Perspektiven nicht nur aus ihrer wissenschaftlichen und publizistischen Arbeit mit. Er ist säkularer Jude, sie gläubige Muslimin. In ihrem gemeinsamen Buch Muslimisch-jüdisches Abendbrot beschreiben sie, wie Dialog trotz unterschiedlicher Überzeugungen gelingt und werben dafür, Widerspruch zuzulassen, ohne den Respekt voreinander zu verlieren.
Das Evangelische Dekanat Büdinger Land und die Initiative für Vielfalt und Demokratie Altenstadt organisierten die Veranstaltung gemeinsam mit dem hessischen Sozialministerium. „Die Gesellschaft braucht Orte der Verständigung”, sagte Dekanin Birgit Hamrich zur Begrüßung. Es sei Anspruch der Evangelischen Kirche, solche Orte zu schaffen. Die Veranstaltung in Bad Salzhausen nannte sie „eine Wegmarke der Verständigung im Büdinger Land”. Im Gespräch mit den Moderatoren Konrad Schulz, Pfarrer i.R., und Hans Erich Seum, Vorsitzender des Altenstädter Vereins Kultur plus, ging es um den Zustand der gesellschaftlichen Debattenkultur.
Meron Mendel sieht ein zentrales Problem darin, dass Menschen heute häufig schneller bewertet als verstanden würden. Wer eine andere Meinung vertrete, werde rasch zum Gegner. Statt über Argumente werde über Personen gesprochen. Demokratie brauche jedoch keine vorschnellen Urteile, sondern die Bereitschaft, sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Dialog dürfe Konflikte nicht ausblenden. „Was ist dann der Sinn eines solchen Dialogs?“, fragte Mendel mit Blick auf Veranstaltungen, die kontroverse Themen bewusst aussparen. Gerade dort, wo Unterschiede sichtbar würden, beginne der eigentliche Austausch.
Saba-Nur Cheema betonte, wie sehr soziale Medien diese Entwicklung verstärkten. Viele Menschen bewegten sich in digitalen Echokammern, die vor allem die eigene Sicht bestätigten. „Wir müssen mit vielschichtigen und hybriden Realitäten leben“, sagte sie. Dialog entstehe erst durch die Begegnung mit anderen Perspektiven.
Wie unterschiedlich Menschen heute erreicht werden, zeigte Mendel am Beispiel einer seiner Vorlesungen. Nur drei Studierende hatten den Namen Jürgen Habermas schon einmal gehört, über dessen Tod nur wenige Tage zuvor breit berichtet worden war. Mendel wertete das nicht als Zeichen mangelnder Bildung, sondern als Hinweis darauf, dass Kommunikation neue Wege finden muss. Junge Menschen informieren sich heute anders als frühere Generationen. Wer alle Teile der Gesellschaft erreichen wolle, müsse deshalb neue Kommunikationsformen finden.
Konrad Schulz lenkte den Blick auf Menschen, die sich von politischen und gesellschaftlichen Debatten ausgeschlossen fühlten, die sagten, dass über sie gesprochen werde, aber nicht mit ihnen. Gerade Begegnungsräume, in denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Lebenswelten ins Gespräch kämen, seien wichtiger denn je.
Auch Staatssekretärin Katrin Hechler warb dafür, den Dialog nicht abreißen zu lassen. Der voll besetzte Parksaal zeige, dass viele Menschen den Wunsch hätten, miteinander ins Gespräch zu kommen und eine konstruktive Streitkultur zu entwickeln.
Ein Thema war der Einfluss sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche. Viele Erwachsene unterschätzten, wie stark TikTok und Instagram die Lebenswelt junger Menschen prägten. „Wie können Ältere die Lebensrealität junger Menschen erfassen, wenn sie sagen: ,Ich bin nicht auf Social Media‘?“, fragte Cheema.
Mendel verwies darauf, dass Kinder und Jugendliche heute täglich mehrere Stunden am Smartphone verbrächten. Lehrkräfte könnten dieser Dauerpräsenz digitaler Inhalte mit wenigen Unterrichtsstunden kaum etwas entgegensetzen. „Wie soll das funktionieren?“, fragte er. Bevor immer neue Erwartungen an Schulen formuliert würden, brauche es politische Rahmenbedingungen. Als Beispiel nannte er Australien, das den Zugang zu sozialen Medien für unter 16-Jährige gesetzlich eingeschränkt hat. „Wir werden uns vielleicht in ein paar Jahren fragen, wie wir das zulassen konnten.“
Bei Forderungen an Politik und Staat sollte es nicht bleiben. „Was können wir als Einzelne tun?“, fragte Konrad Schulz. „Wirklich zuhören“, antwortete Saba-Nur Cheema. Angesichts der hohen Zustimmung für die AfD, die sie als demokratiefeindlich, islamfeindlich und antisemitisch bezeichnete, brauche es die Auseinandersetzung. „Täglich. Im Alltag. Wir müssten alle schon gestern damit angefangen haben.“