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für den 4. Januar 2026
Vor einiger Zeit fiel mir ein Buch von Richard Wurmbrand in die Hände. Während der nationalsozialistischen Zeit und später während des Kommunismus war er starker Verfolgung ausgesetzt und verbrachte insgesamt 14 Jahre in Gefängnissen – oft unter extremen Bedingungen.
„In solcher Situation ist der Mensch vor eine Wahl gestellt“, – schreibt er in seinem Buch „Kleine Noten, die sich mögen“. Er erläutert dies anhand eines japanischen Gemäldes, das ein Wohnzimmer abbildet. Auf der einen Seite des Raumes steht ein wunderschöner Blumenstrauß, auf der anderen Seite ein Fernseher. Dieser zeigt gerade, wie ein Mann einem anderen den Kopf abschlägt.
Auffällig ist das Verhalten der Menschen in diesem Raum. Sie alle schauen gebannt oder entsetzt auf den Fernseher. Niemand aber richtet seinen Blick auf die Blumen.
Dieses Gemälde wurde Wurmbrand zum Gleichnis für sein eigenes Erleben im Gefängnis. Er konnte auf all das Grausame blicken, das ihn umgab: die Mauern und Gitter, die Folterer und ihre Werkzeuge. Wenn er jedoch allein sie im Blick gehabt hätte, wäre er zugrunde gegangen. Aber er konnte „auch zu Gott aufblicken“, schreibt er, „und auf die Welt der Engel schauen. Und man kann in der Phantasie die freundlichen Episoden seines Lebens wiedererstehen lassen. Christus half mir, dies zu tun.“
Richard Wurmbrand hat die Gefängnisse überlebt – auch aufgrund seines inneren Blickes, den er immer wieder versucht hat auf das zu richten, was ihm Halt geben konnte.
Das Schlimme war damit nicht aus der Welt. Aber er konnte seinen Weg gehen. Denn es macht einen Unterschied, wohin wir unseren inneren Blick richten: allein auf das Böse, Furchtbare – oder eben immer wieder auf das Gute in unserem Leben.
Das Schlimme sollen wir nicht leugnen. Wir müssen es wahrnehmen und – wenn möglich – dagegen angehen. Doch es darf uns nicht völlig bestimmen. Wir brauchen unseren inneren Blick auf etwas anderes: auf das, was uns Mut macht oder einfach Freude, was uns an Gutes erinnert oder Hoffnung gibt. Für mich ist hier zuerst der Blick auf Gott wichtig, auf Jesus Christus und auf die Hilfe, die er mir schon gegeben hat, das Gute, das ich schon erfahren konnte. Er gibt mir Hoffnung für die Gegenwart und für die Zukunft – auch für das begonnene Jahr, trotz allem, was an Schwierigem geschehen kann.
Ulrich Bauersfeld, Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht und stellvertretender Dekan des Dekanats Büdinger Land
für den 31. Dezember 2025 – Silvester
Schon wieder ist ein Jahr rum und egal ob im Radio, im Fernsehen oder in den sozialen Medien sehen wir ein ähnliches Format: den Rückblick.
Dabei werden entweder die besten Lieder, Filme, Bilder oder Ereignisse des vergangenen Jahres, Jahrzehnts oder sogar Jahrhunderts betrachtet und bewertet. Welche haben sich gehalten? Welche haben mittlerweile an Bedeutung verloren? Und welche Ereignisse sind vielleicht zu historischen Meilensteinen geworden?
Der Rückblick ist nicht nur eine gute mediale Verarbeitung des Jahres, er ist für uns Menschen seelisch auch notwendig. Um etwas Neues zu beginnen, muss ich zuerst das Alte abschließen.
Der Rückblick hilft uns dabei, Dinge, die wir erlebt haben, vielleicht noch einmal neu einzuordnen oder abzulegen. Dinge, die wir in guter Erinnerung haben, nehmen wir noch einmal hervor und erinnern uns zurück. Dinge, die uns eher schmerzen oder die wir mit negativen Gefühlen verbinden, können wir noch einmal hervorholen und prüfen, ob der Schmerz sich gelegt hat, ob die Erinnerung auf den „Dachboden“ darf oder ob mich der Schmerz vielleicht noch begleitet.
2025 eignet sich dazu besonders gut, diese Erinnerungen noch einmal hervorzuholen, weil das Jahr mit seiner Jahreslosung uns dazu einlädt:
Prüft alles und behaltet das Gute!
(Thessalonicher 5,21)
Denn das Gute lassen wir im Rückblick gerne unter den Tisch fallen, wenn wir uns erinnern und zuerst all die Momente kommen, in denen wir verletzt worden sind. Dabei ist es gerade das Gute, das uns helfen kann, Verletzungen zu ertragen oder sogar damit fertig zu werden. Um mit leichtem (oder leichterem) Herzen in das neue Jahr zu starten.
Also nehmen Sie sich vielleicht etwas Zeit und machen Sie einmal einen Jahresrückblick auf Ihr 2025 und schauen Sie:
Was hat mir in diesem Jahr wirklich gutgetan?
Wo habe ich mich gefreut oder sogar anderen Menschen eine Freude gemacht?
Worauf freue mich vielleicht 2026?
Mit dem neuen Jahr vor der Tür und dem alten Jahr schon fast an seinem Ende, hoffe ich, Sie können in Ihrem Rückblick viele Momente entdecken, die Ihnen Freude machen, Sie zum Lachen brachten, oder wo Sie glücklich waren.
Und hoffe, dass Ihr nächstes Jahr bereits jetzt schon viel Gutes für Sie bereithält!
Ich wünsche Ihnen allen daher einen gesegneten und guten Rutsch in das neue Jahr.
Leroy Pfannkuchen ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Ev. Kirche in den Auen
für den 24. Dezember 2025 – Heiligabend
„Wer klopfet an?“, fragt der Wirt singend im Krippenspiel, das in der Kirche meiner Kindheit aufgeführt wurde und die Antwort des Heiligen Paares im schönsten Duett: „Oh, zwei gar arme Leut!“ Jahr für Jahr wird ihnen die Tür wiederholt vor der Nase zugeschlagen. Der fürsorgliche Josef und seine hochschwangere Maria machen sich alljährlich auf die Suche nach einem Zimmer, nach einer Unterkunft. „Denn sie fanden keinen Raum in der Herberge“ lautet die Berichterstattung aus Bethlehem, wie sie Lukas in seinem Evangelium in der Bibel aufgeschrieben hat. Jedes Jahr wird diese Geschichte in den Kirchen und in manchen Familien im Licht des Weihnachtsbaumes gelesen.
Nur einer konnte beim Hören dieser Erzählung nicht mehr an sich halten. Während die Erwachsenen entspannt dem Spiel der Kinder lauschten, trieb es den kleinen Wirt um und fast hätte er den Verlauf des Gottesdienstes oder schlimmer noch: die Dramaturgie des Heiligen Abends durcheinandergewirbelt.
„Wer klopfet an?“, der Wirt. „Oh, zwei gar arme Leut!“, Maria und Josef. So weit so gut. Und dann, anstatt wie in den Proben verabredet und durchgespielt – „So macht euch fort“ – öffnete Mika, der kleine Wirt, seine im Altarraum improvisierte Tür sperrangelweit: „Kommt doch rein und ruht euch aus. Ihr habt bestimmt einen langen Weg hinter euch“, klingt es glockenhell durch die Kirche. Erstaunen, Rascheln, Flüstern. So war das nicht vorgesehen! Die Fremden sollten weggeschickt werden!
Doch der Junge hatte es nicht ausgehalten, dass hilfesuchenden Menschen die Tür vor der Nase zugeknallt wird, dass der Heiland in einem zugigen Stall das Licht der Welt erblicken sollte. Kein Mensch hat es verdient, in der Not draußen stehen gelassen zu werden. Schon gar keine Schwangere. Fast wäre das Stück überraschend zu Ende gewesen. Allein die Geistesgegenwart Marias, die Josef entschlossen an der Hand nahm und in Richtung Stall zog, hatte an diesem Abend den gewohnten Verlauf des Spiels wieder hergestellt. Entspanntes Zurücklehnen.
Was wäre gewesen, wenn tatsächlich jemand die Tür geöffnet hätte? Was wäre, wenn wir uns öfter von dieser kindlichen Klarheit anstecken ließen? Wenn wir es nicht aushielten, Unrecht und Not einfach hinzunehmen?
Diese Fragen begleiten mich besonders in diesem Jahr. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen emotional fragil sind, erschöpft von Krisen, Sorgen und Verlusten. Attentate, Gewalt und Hass treffen die Menschen – gerade jetzt – besonders tief. Dass solche Taten im Licht von Weihnachten und Chanukka geschehen, macht sie noch weniger erträglich. Und doch feiern Jüdinnen und Juden das Chanukka-Fest, Christen Weihnachten: Feste des Lichts, der Hoffnung, des Widerstands gegen die dunkelste Zeit des Jahres.
Ein kleines Licht gegen die Nacht. Eine offene Tür gegen die Kälte. Ein Kind, das sagt: So geht es nicht weiter.
Chanukka erinnert daran, dass ein geweihtes Licht länger brennen kann, als alle Berechnungen erwarten lassen. Weihnachten erzählt von einem Gott, der verletzlich wird und sich in unsere Dunkelheit hineinbegibt. Beide Feste widersprechen der Resignation. Sie sagen: Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort.
Vielleicht zeigt sich das Prinzip Hoffnung genau darin: dass wir uns berühren lassen. Dass wir hinhören – auf Kinder, auf das, was unser Gewissen uns zuflüstert. Dass wir die Tür nicht verschlossen halten, sondern öffnen. Für den anderen. Für das Leben.
Unsere Welt braucht mehr solche kleinen Wirte – Menschen, die sagen: „Komm herein. Du bist willkommen. Du darfst sein, wie du bist.“ Und sie braucht Erwachsene, die bereit sind, sich von dieser Haltung korrigieren zu lassen.
Ich wünsche Ihnen, dass diese Feiertage Ihnen ein Hoffnungslicht schenken. Einen Moment des Aufatmens, einen Ort, an dem Sie willkommen sind und die Zuversicht, dass selbst in dunkler Zeit Mitgefühl und Frieden aufleuchten können.
Birgit Hamrich ist Dekanin des Evangelischen Dekanats Büdinger Land
für den 21. Dezember 2025 – Vierter Advent
Endspurt für Weihnachten – die letzten Geschenke müssen beschafft werden! Fleißige Menschen haben schon das ganze Jahr die passenden Geschenke ausgesucht. Manche sind auch bastelbegabt, kreativ und haben sich etwas einfallen lassen. Für die anderen bleibt nur der Endspurt. Zum Geschenk gehört dann auch noch die angemessene Verpackung. Damit wird die Vorfreude noch einmal gesteigert. Was mag in so einem schönen Paket drin sein? So ein gut eingepacktes Geschenk soll man in die Hand nehmen, betasten und schütteln, um zu raten, was es wohl sein mag. In meiner Kindheit gab es zwei Sorten von Geschenken: Weiche und harte Pakete. In den weichen war etwas zum Anziehen. Obwohl oft liebevoll selbstgestrickt, waren diese Päckchen doch für Jungs wie mich nicht so interessant. Die Haupttreffer waren eher in den harten Paketen: Vielleicht langersehntes Spielzeug, eine Eisenbahn oder sogar eine Mondrakete!
Ganz Ungeduldige nehmen sich freilich nicht die Zeit und reißen sofort das Geschenkpapier herunter. Schöner ist es doch, erst einmal die Verpackung zu beachten und zu überlegen, was wohl darin sein könnte. Das ist doch das Besondere am weihnachtlichen Schenken: Man denkt an die anderen und sucht für jeden etwas Passendes aus, das (hoffentlich) Freude macht. Man macht sich Mühe: auch um die Verpackung. Auch da gibt es kreative Menschen, die nicht nur Geschenkpapier nehmen, sondern beispielsweise ein Handtuch als Verpackung wählen und mit einem passenden Band zu einer ganz besonderen Umhüllung machen. Ganz anders geht es aber auch: Ein ausgesuchtes, kostbares Geschenk ganz unauffällig zu verpacken, das kann so eine Riesenüberraschung werden!
Genauso macht es Gott. Sein größtes Geschenk verpackt er völlig unscheinbar. Es ist das ultimative Weihnachtsgeschenk: Gott kommt selbst zu uns auf die Welt. Er kommt in einem kleinen, unbedeutenden Landstädtchen in Judäa, im Getriebe einer Volkszählung. Er kommt als Baby, wie wir alle. Wird in Windeln gewickelt, wie wir alle, damit wir merken, dass es auch allen gilt. Dann wird Jesus auf Heu und Stroh in eine Futterkrippe gebettet. Eine armseligere Verpackung für ein unschätzbares Geschenk lässt sich kaum denken. Denn Heu und Stroh gibt es überall. So wird es eine Riesenüberraschung!
Später dann packt Jesus selbst aus: Mit seinem Wort, mit seinen Taten, mit seinen Verheißungen. Mit der frohen Botschaft, dass das Reich Gottes jetzt da ist und unter uns beginnt, indem wir uns einander beschenken. Er meint das nicht nur materiell, sondern mehr geistig: Indem wir einander zuwenden, einander beistehen, Freude teilen und die Trauer auch. Indem wir einander die Hoffnung wecken und wachsen lassen und einander ertragen und tragen. Damit wird die Liebe, die sonst unsichtbar ist, verpackt und sichtbar. Dadurch wird sie zum Geschenk, das wir einander schenken können.
Reiner Isheim ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Niddaer Land
für den 14. Dezember 2025 – Dritter Advent
Die Vorweihnachtszeit ist wieder da. Der Duft von Tannenzweigen, Plätzchen und Glühwein steigt in die Nase. Menschen strömen auf Weihnachtsmärkte. Und in Geschäfte – Geschenke kaufen. Das Essen für Weihnachten muss geplant und organisiert werden. Wer besucht wen wann? Karten schreiben. Baum kaufen. Rechtzeitig die Lichterkette prüfen! Hausputz. Backen. Noch eine Weihnachtsfeier. Stress.
„Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Adventszeit!″ sagt mir eine Frau an der Kirchentür. Ja, der Advent wäre besinnlich, wenn es ihn denn gibt. Denn wir haben ja eine Vorweihnachtszeit daraus gemacht. Und denken Sie nun nicht, dass es bei Pfarrers anders wäre. Wir essen auch an den Feiertagen, haben auch einen Baum, besuchen unsere Verwandten, verteilen Geschenke, die wir vorher extra gekauft haben. Nur Plätzchen gibt es bei mir nicht. Zu viele Kohlenhydrate.
Ja, die Vorweihnachtszeit hat viele schöne Seiten, aber es ist auch Stress. Es ist mehr los als sonst. An den Wochenenden viel mehr. Vielleicht kaufe ich doch keinen Baum. Ich werde ohnehin kaum zu Hause sein.
Eine besinnliche Adventszeit!? Der fromme Wunsch hängt mir nach. Ja, natürlich gestalte ich mir auch ruhige Momente. Mit Kerze und Adventskalender („Der andere Advent″, nicht etwa Schokolade). Mit Musik. Mit Stille. Gebet. Meditation. Worauf besinnen wir uns eigentlich, wenn der Advent besinnlich wird? Meist fallen mir erst noch drei Dinge ein, die zu erledigen sind und dringend aufgeschrieben werden wollen, damit ich sie nicht vergesse. Gut, dass ich zur Besinnung komme, oder? Ist das gemeint?
Kaum. Aber der Wunsch lautet ja auch: „Besinnliche Adventszeit.″ Vielleicht ist dieser Advent doch etwas anderes als unsere Vorweihnachtszeit mit den vielen Extra-Aufgaben. Aber was eigentlich?
Apropos Aufgaben: Ich brauche noch eine Predigt für den Sonntag. Welcher Text ist denn dran? Lukas 3. „Johannes der Täufer″ steht da drüber. Ich beginne zu lesen. Johannes „predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden″. Und er sagt: „Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße.″
O nein! Ist das Advent? Vorweihnachtszeit ist das nicht, oder? Vielleicht doch. Denn diese Worte lösen Stress aus. Zumindest bei mir. Was soll ich dazu denn sagen zu den Menschen der Vorweihnachtszeit? Von wegen besinnlicher Advent!
Besinnung kommt in dem Text aber vor. Zweimal fällt das Wort „Buße″. Und Buße ist nicht das, wonach es riecht. Kein Bußgeld für falsches Parken. Auch keine Bußleistung im Gym wegen übermäßigen Weihnachtsessens. Das griechische Wort bedeutet: Umdenken. Anders denken. Neu denken. Durchdenken. Dabei zu sich selbst kommen, wieder Boden unter die Füße kriegen, Orientierung gewinnen, ruhig und klar werden. Also sich besinnen. Ist das die besinnliche Adventszeit?
Ja. Der Advent ist eine Bußzeit, weil wir in ihr innehalten und uns neuerlich besinnen sollen. Nicht auf unser Weihnachtsfest, sondern auf den, der da kommt, auf sein Weihnachtsfest. Gott kommt nämlich in die Welt, indem er Mensch wird in Jesus Christus. Darum geht es an Weihnachten. Und das ist etwas Ungeheuerliches, Weltveränderndes, das es in seiner Bedeutung zu durchdenken gilt.
Alexander Wohlfahrt ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Konradsdorf
für den 7. Dezember - Zweiter Advent
Alle Jahre wieder erarbeiten evangelische Frauen einen besonderen Gottesdienst für den zweiten Adventssonntag. In diesem Jahr heißt das Motto des Frauengottesdienstes: Wenn die Welt zittert: Hoffnung wächst in stürmischen Zeiten.
Der Bibeltext, der dem Gottesdienst zugrunde liegt, findet sich im Lukasevangelium (Lukas 21, 25-33) und wird in der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“ in den Gottesdienst eingebracht. Aus diesem Bibelabschnitt stammt auch der Wochenspruch für die zweite Adventswoche: „Wenn dies beginnt: Richtet euch auf und erhebt euren Kopf! Denn eure Befreiung ist nahe!“
Viele Frauen haben dies schon erfahren: Hoffnung wächst manchmal ganz leise – mitten im Alltag, mitten im Zweifel. Wenn wir im Advent auf das warten, was kommt, dann sehnen wir uns nicht nach einem „Weiter so“. Wir hoffen auf Veränderung – in der Welt und in uns selbst.
Am zweiten Advent 2025 laden evangelische Frauen an vielen Orten herzlich ein zu einem besonderen Gottesdienst, beispielsweise auch in die Stadtkirche Nidda. Wir öffnen neue Perspektiven: Wir hören von unterschiedlichen Erfahrungen. Es wird ein Gottesdienst, der Mut macht, Kraft schenkt und Hoffnung sät. Gemeinsam entzünden wir die zweite Adventskerze – für alle Menschen, die trotz Widerständen ihre Köpfe erheben und an eine bessere Welt glauben. Ihre Flamme erinnert uns: Auch kleine Samen der Hoffnung können in frostigem Boden Wurzeln schlagen.
Die Vorlage für diesen besonderen Frauengottesdienst stammt vom Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau. Sie wurde erarbeitet von Sarah Vecera, Theologin und Autorin des Buches „Wie ist Jesus weiß geworden?“. In der Gottesdienstliturgie wird Psalm 80 in neuen Worten gebetet. Diese Worte stammen von Sarah Vecera und wurden für diesen Gottesdienst entwickelt.
Dem Frauenverband ist es seit Jahren besonders wichtig, dass eine inklusive und gendergerechte Sprache verwendet wird. Wir evangelischen Frauen wollen bewusst darauf achten, dass unsere Formulierungen frei von rassistischen, antisemitischen, queerfeindlichen Konnotationen sind. Wir prüfen auf gendergerechte Formulierungen und wollen keine abwertenden Gruppenbezeichnungen, keine stereotypen Zuschreibungen verwenden.
Mit der Kollekte für den Verband evangelischer Frauen geht ein wichtiges Signal von diesem Gottesdienst aus: Mit dem Eintritt in die Rente geraten viele Frauen in Existenznot. Familien- und Pflegezeiten oder Phasen mit Teilzeitbeschäftigung mindern die Rente erheblich. Deshalb befinden sich deutlich mehr Frauen als Männer in Altersarmut. Armut verhindert nicht nur gesundes Essen, wichtige Anschaffungen wie z. B. eine Waschmaschine und notwendige Gesundheitsvorsorge. Armut schließt vor allem aus Gemeinschaft aus und bedingt Einsamkeit.
Der Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau unterstützt Frauen, ermöglicht Teilhabe und Gemeinschaft und engagiert sich gegen Einsamkeit. Mit dieser besonderen Kollekte wird schwerpunktmäßig die Teilnahme von Frauen an vielfältigen Angeboten wie spirituellen Auszeiten, Frauen- und Seniorinnenreisen, Oasentagen und kreativen Werkstätten gefördert. Dieser Gottesdienst wird von Frauengruppen vorbereitet, ist aber für alle Menschen gedacht, die sich für dieses Thema interessieren. Vielleicht ist ja auch ein Frauengottesdienst in Ihrer Nähe am zweiten Advent? Eine gesegnete Adventszeit für alle Menschen in nah und fern!
Hanne Allmansberger ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Niddaer Land
für den 23. November 2025
Jesus hat ein Pferd! Das behauptet zumindest der vierjährige Colton in dem Film, den wir kürzlich im Kirchenkino in Eckartshausen angeschaut haben. Und mehr noch: Nach einer Nahtoderfahrung erzählt Colton recht detailliert, wie es im Himmel aussieht und wen er dort alles getroffen hat. Seinen Großvater zum Beispiel, den er im echten Leben nie traf, oder seine Schwester, die bei der Geburt starb. Und natürlich Jesus, auf dessen Schoß er sitzen durfte, und jede Menge Engel, die Lieder gesungen haben. Ist das nicht eine unglaublich schöne Vorstellung? Jesus zu treffen und natürlich auch sein Pferd, singende Engel und unsere Liebsten, die schon vor uns gegangen sind?
Die Gemeinde, in der Coltons Vater Pastor ist, droht an dem Konflikt zwischen Glauben und Skepsis zu zerbrechen. Der Film nutzt Coltons kindliche Sichtweise als Symbol für Unvoreingenommenheit und Reinheit. Kinder glauben ohne Zynismus – und genau das irritiert die Erwachsenenwelt. Der Film stellt die Frage, ob Erwachsene eventuell verlernt haben, „mit dem Herzen zu sehen“.
Viele Figuren im Film tragen Schmerz und Trauer in sich, etwa durch den Verlust geliebter Menschen. Coltons Erzählungen geben einigen Trost und stellen die Möglichkeit in den Raum, dass es ein Weiterleben nach dem Tod gibt. Der Film spricht damit universelle Fragen an:
Was passiert nach dem Tod? Wie gehen wir mit Verlust um? Wie finden wir Hoffnung?
In diesen Tagen im November, an denen wir unserer Toten besonders gedenken, ihre Gräber besuchen, ihre Namen im Gottesdienst vorlesen, Kerzen für sie entzünden, kommen diese Fragen fast automatisch in den Sinn. Für viele Trauernde ist der Verlust noch frisch und es gibt nicht den „einen“ Weg, wie man damit umgehen kann oder soll. Keine Anleitung, keinen Waschzettel, nach dem man sich richten kann. Oder doch?
Der christliche Journalist Eduard Kopp sagte mal: Ein Konsens, was der Himmel sei und wo er sich finden lasse, besteht am ehesten noch in der Aussage: Der Himmel ist der „Ort“, an dem die Menschen Gott nahe sind. Er ist kein für sie unerreichbares Jenseits, denn Jesus Christus hat ihn für die Menschen geöffnet. Mir persönlich reicht diese Aussage. Jeder hat natürlich das Recht zu zweifeln, aber warum sollten wir? Sich zu wünschen und daran zu glauben, dass wir im Himmel Gott ganz nahe sind, das schadet doch niemandem. Die Vorstellung, mit lieben Menschen wieder vereint zu sein, spendet uns doch Trost und lässt uns hoffen. Das kann uns Zuversicht und Halt geben, wenn die Trauer unser Leben überschatten will. Wir Christen glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat mit allem, was darinnen ist und dass Gott in Ewigkeit für seine Schöpfung sorgen wird. Und das beinhaltet möglicherweise auch das Pferd von Jesus.
Tanja Langer ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes
für den 16. November 2025
Der Monat November kündigt sich an, während ich diese Zeilen schreibe.
Regen, stürmischer Wind, kühle Temperaturen. Ich bleibe lieber drin, genehmige mir einen Tee, hole die warme Kolter raus, höre die Couch rufen. Ich igele mich ein, bereite mich auf die langen Wintertage vor. Die Uhrumstellung brachte eine Stunde Schlaf zusätzlich, die Geschäftigkeit des Sommers und das Leben draußen sind mit den Sommersachen im Kleiderschrank verstaut. Wer sich raus wagt, tut das, weil er muss, oder dann, wenn das Wetter sich kurz beruhigt, aber lieber mit dem Auto als zu Fuß. Doch zwischendrin, da gibt es auch in dieser Jahreszeit immer wieder Lichtblicke.
Im Jahreswechsel ins neue Jahr begleitet uns die Jahreslosung für 2026:
„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5)
Was darf alles neu werden? Wo kann es sinnvoll sein, ausgetretene Pfade zu verlassen? Und welches Risiko birgt ein Neuanfang?
Das sind Fragen, die mir sogleich durch den Kopf schießen.
Aber erstmal geht es nicht um mich. Gott macht alles neu. Seine Zusage gilt uns, das ist der zweite Schritt. Das drückt jetzt der Herbst mit seinem Farbspiel wunderbar aus. Der jahreszeitliche Wandel von Blühen und Vergehen ist in vollem Gang. Und meine geschaffene Ordnung gerät täglich aus den Fugen, wenn der vom Laub befreite Hof wieder und wieder von Blättern bedeckt ist und alles unter einer Decke aus Laub versinkt.
Wenn aber der Herbst auch der Herbst in meinem Leben ist, wenn ich das Gefühl habe, es geht nicht mehr weiter, ich baue ab, meine Kräfte schwinden, dann kann Gottes Zusage eine Kraftquelle sein, eine, die nie versiegt.
Die mir vor Augen führt, dass im Neubeginn eine große Chance liegen kann.
Im Jahreslauf steckt für mich dieser Neubeginn im Wechsel des Jahres, da, wo das alte Jahr still zu Ende geht und an der Schwelle das neue Jahr noch auf sich warten lässt.
Da entsteht eine Spannung, zwischen Erwartung und großer Stille, zwischen noch nicht und schon jetzt.
Meine Erfahrung im Leben sagt, viele Aufbrüche ins Ungewisse endeten in einer Gewissheit, einem Ankommen, das ich so vorher nicht vor Augen hatte. In vielen biblischen Erzählungen sind Menschen ins Unbekannte losgezogen und haben sich leiten lassen von einem, der im Stande ist, einmal alles neu zu machen. Der Glaube an ihn kann Wunder wirken – damals wie heute.
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. […] und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“ (Offenbarung 21,1.4)
David Jumel ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche in den Auen
für den 9. November 2025
Es sind beängstigende Zeiten. Kriege, Populismus, Hass und Desinformation erschüttern die Welt. Dauerkrisen lassen uns keine Ruhe, Unsicherheit und Erschöpfung sind oft schon da, bevor wir die Nachrichten überhaupt öffnen. Wir spüren, dass etwas brüchig wird – das Vertrauen, dass alles gut werden könnte.
„Es sind beängstigende Zeiten, mein Gott,“ schreibt die Jüdin Etty Hillesum an einem Sonntagmorgen 1942 in ihr Tagebuch. „Heute Nacht lag ich zum ersten Mal mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln und viele Bilder menschlichen Leidens zogen an mir vorbei.“
1941 beginnt die damals 27-jährige Niederländerin, ihre Beobachtungen und Gedanken zu Papier zu bringen. Längst ist der Nationalsozialismus auch in den Niederlanden angekommen. In diesen beängstigenden Zeiten fasst sie nicht nur ihr Inneres in Worte, sondern hält auch das tosende Beben der Zeit fest, das alles erschüttert. In ihren Zeilen hallen immer wieder Schrecken und Verzweiflung nach – und doch bewahrt sie sich einen eigenen inneren Raum. Am 12. Juli 1942 verfasst sie im Durchgangslager Westerbork ein „Sonntagmorgengebet“:
„Ich werde dir eines versprechen, Gott, aber nur eine Kleinigkeit: Ich werde meine Sorgen um die Zukunft nicht wie beschwerende Gewichte an die Gegenwart hängen, aber das erfordert ein gewisses Maß an Übung. Jetzt ist jeder Tag an sich schon schwer genug. Ich werde dir helfen, Gott, dass du nicht in mir zugrunde gehst, aber ich kann im Voraus für nichts garantieren. Aber eines wird mir immer klarer: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns selbst. Und das ist das Einzige, was wir in dieser Zeit bewahren können, und auch das Einzige, auf das es ankommt: ein kleines Stück von dir in uns selbst, Gott. Und vielleicht können wir auch mithelfen, dich in den geplagten Herzen anderer zutage zu fördern. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst du nicht viel ändern zu können, sie sind nun einmal auch Teil dieses Lebens. […] Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen […].“[1]
Die Umstände als Teil des Lebens anzusehen, mag zynisch wirken. Dennoch ist darin keine Resignation zu finden. Statt Verantwortung auf Gott zu übertragen, zeigt Etty Hillesum, dass wir selbst in der Verantwortung stehen, Gottes Gegenwart durch unser Handeln in der Welt spürbar werden zu lassen. Indem wir Gott helfen, helfen wir uns selbst.
Am 30. November 1943 meldete ein Bericht des Roten Kreuzes Etty Hillesums Tod im Konzentrationslager Auschwitz.
[1] Etty Hillesum, Ich will die Chronistin dieser Zeit werden. Sämtliche Tagebücher und Schriften, Hg. K. A. D. Smelik, C.H. Beck 2023, S. 620f
Maria-Louise Seipel ist Referentin für Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Büdinger Land
für den 2. November 2025
Hans wollte wissen, worüber ich am nächsten Sonntag predigen werde. Lukas siebzehn. Auf dem Weg nach Jerusalem heilte Jesus zehn Leprakranke. Aber nur einer bedankte sich. Da werde ich mich doch hoffentlich nicht allzu spießig über das Danken verbreiten. Hans traf mit dieser Bemerkung einen wunden Punkt, der mir bisher nicht aufgefallen war. Das Danken ist nur scheinbar das Hauptthema.
Die Geschichte von den zehn Aussätzigen kennt Hans schon seit der Grundschule und dem Kindergottesdienst. Die Botschaft wäre immer gewesen: Vergiss niemals, dich zu bedanken, wenn du etwas Gutes geschenkt bekommst. Sonst bist du wie die Gestalten in der Bibel, die sich für ihre Heilung nicht bedankt haben. Dass Kinder das Bedanken lernen müssen, steht für Hans außer Frage. Ebenso wenig die unerfreuliche Tatsache, dass heutzutage viele Erwachsene keine Gedanken ans Bedanken aufwenden. Danken ist außer Mode. Das ist ein Kulturverlust. Hans möchte deshalb aber nicht die Bibel bemühen. Danken sollte sich unter allen Menschen von selbst verstehen. Ich solle mit der Predigt auch kein Öl in die Feuer der Leute gießen, die fortwährend den Schwund guten Benehmens bemängeln.
Worüber willst du denn, dass ich predige? fragte ich Hans. Die Antwort kam sofort: Über die Aufwertung der Abgewerteten. Darum geht es. Der Rest ist Beigabe. Predige über den Samariter! Der sich bedankte war ein Samariter. Das wird im Text extra hervorgehoben. Die Samariter waren die Menschen, die in Samarien wohnten. Wer in Galiläa und Judäa wohnte, mochte sie nicht. Sie zogen nämlich nicht hinauf zum Tempel nach Jerusalem. Sie hatten einen eigenen heiligen Berg für ihre religiösen Feiern. Und dazu noch spezielle Lehren und Gebräuche. Nun tat ein Geschmähter das Angemessene und Schickliche. Er dankte. Darin liegt die Botschaft der Geschichte. Und die muss in unsere Gegenwart.
Thomas hatte dazu eine abgefahrene Idee. Stellt euch mal einen Festgottesdienst vor. Volle Kirche, Posaunenchor, Gesangverein. Gutbürgerliches Publikum, gutaufgestellte Leute, überwiegend konservativ. Das Thema ist Dankbarkeit. Der Pfarrer verliest unsere Geschichte. Als er zu der besagten Stelle kommt, beginnen die Buchstaben zu tanzen. Er reibt sich die Augen. Da steht doch tatsächlich: Und der sich bedankte war ein linksgrünversiffter Lastenradfahrer. Oder gar ne Lastenradfahrerin. Das würde hübsch Ärger geben. Oder vielleicht gibt es auch einen fruchtbaren Streit. Könnte ja passieren.
Wegen der Ausgewogenheit klappte Thomas gleich nach. In einem umweltbewegten Jugendgottesdienst müsste der verlesene Satz allerdings ein anderer sein. Und das war ein protziger älterer SUV-Fahrer. Oder so ähnlich. Zu jeder Zielgruppe gibt es auch einen Trigger. Hans phantasierte dann eine Zielgruppe für den Satz: Und der sich bedankte war schwul. Ich dachte ans derzeitige Amerika und schlug einen illegalen Einwanderer aus Venezuela vor. Wir überboten uns eine ganze Weile mit spritzigen Varianten.
Irgendwann fragte Hans, was uns denn wohl am ehesten triggern würde. Das werden wir uns ein andermal ansehen, verabredeten wir. Ehrenwort.
Friedrich Fuchs ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Büdingen
für den Reformationstag (31. Oktober) 2025
Kirche ist ständig im Wandel. Aber immer lebendig.
Das mag in einer Zeit der vielen Reformen und Kirchenaustritte etwas verrückt klingen, aber es entspricht der Wahrheit.
Das können wir besonders gut beobachten, wenn wir uns den Verlauf der Kirche in der Geschichte anschauen:
Als kleine Bewegung im Untergrund hat sich der christliche Glaube verbreitet. Damals gab es keine Zahlen, Kirchensteuern oder feste Organisationsformen, sondern nur Menschen, die sich im Vertrauen auf die Botschaft Jesu Christi nach Veränderung gesehnt haben.
Sie wollten sich nicht mehr von der religiösen Obrigkeit vorschreiben lassen, was sie zu tun haben für einen Gott, der sich angeblich mehr um Regeln schert als alles andere.
In der Reformation haben sich wieder Menschen gefunden, die sich gegen den Status Quo aufgelehnt haben, weil sie der Meinung waren, dass die Kirche, wie sie damals bestand, nicht mehr den Werten entsprach, die sie eigentlich vertreten sollte, aber auch nicht mehr das, was die Menschen zur Zeit Martin Luthers gebrauchen konnten.
Schaut man sich diese beiden Beispiele an, lässt sich feststellen, dass Kirche immer einen Wandel durchlebt, wenn es an der Zeit ist, für die Botschaft Gottes neue Wege zu gehen.
Das war bei Jesus so. Das war bei Martin Luther so. Und das ist auch heute noch so.
Auch wenn es wirkt, als wäre die Kirche „erledigt“, würde ich behaupten, verwandelt sie sich nur in eine neue, noch unbekannte Form. Ähnlich wie eine Raupe, die zu einem Schmetterling wird.
Das ist natürlich mit viel Arbeit und Mut verbunden. Das mussten die ersten Christinnen und Christen aufbringen, das musste Martin Luther aufbringen. Und das müssen auch wir aufbringen.
Dafür können wir aber auch Vertrauen haben, dass wir als Christen immer eine lebendige und starke Gemeinschaft im Rücken haben. Denn das macht unseren Wandel aus. Wo andere im Laufe der Geschichte verschwunden sind, ist Kirche lediglich in ein neues Zeitalter aufgebrochen.
Wie Kirche in 30, 40 oder 200 Jahren aussehen wird, können wir daher nicht sagen. Nur eines können wir mit Sicherheit behaupten: Egal, wie die Welt aussehen wird, wie die Menschen leben und welche Herausforderungen sie meistern müssen:
Es wird immer eine Gemeinschaft geben, die das Evangelium in diese Welt hinaustragen wird.
Weil es auch immer einen Gott geben wird, der uns dazu den Rücken stärkt!
Leroy Pfannkuchen ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche in den Auen
für den 19. Oktober 2025
6.15 Uhr. Der Wecker klingelt. Sonntagmorgen. Ich drücke die Schlummertaste – einmal darf man das. Halb sieben stehe ich auf. Meine Frau schläft noch. Morgenroutine im Bad. Dann runter in die Küche. Kaffee kochen. Im Deutschlandfunk läuft Klassik – das kenne ich doch. Von wem war das noch gleich?
Während der Kaffee zieht, ein Interview mit einem Historiker. Es geht um reaktionäre Tendenzen in der französischen Geschichte. Und warum französische Präsidenten gern kleine Kaiser sind. Der Kaffee ist fertig. Ich wecke meine Frau. Heute kein Frühstück. Ich ziehe mich an für meinen Einsatz. „Bringst du mir mein Handy mit nach unten?“, ruft sie. Eine Treppe rauf, zwei runter. Bewegung tut gut. Jetzt aber los, wir müssen pünktlich sein.
Von weitem schon Musik. Volle Klänge. Angekommen. Ganz schön viele Menschen heute. Die Stimmung ist gut. Noch ein paar Absprachen, dann geht es los. Volle Konzentration. Nach einiger Zeit – oh, da steigt jemand aus. Nach der Hälfte: Verpflegung. Ich sehe Gesichter. Ernst. Konzentriert. Fröhlich. Die Uhr nähert sich der vollen Stunde. Geschafft. Nein – nicht der Gottesdienst. Ich war auf einem Wettkampf.
Viele Hundert Menschen aller Altersstufen. Gemeinsam unterwegs. Jede und jeder auf der eigenen Strecke. Mit dem Ziel vor Augen: ankommen, vielleicht mit Bestzeit.
Und ich denke: Das Leben ist auch so ein Lauf. Nicht der schnelle Start zählt, sondern die Kraft, weiterzumachen, wenn es mühsam wird. Geduld, Vertrauen, innere Ruhe – sie tragen weiter als Hektik oder Ehrgeiz.
Doch wer kennt das nicht: Die Tage gleichen einem Dauerlauf. Immer etwas zu tun, immer jemand, der etwas will. Zwischen Beruf, Familie und Ansprüchen von außen geht manchmal die Orientierung verloren. Die Zeit wird knapp, Geduld ebenso. Man läuft und läuft – und fragt sich: Wofür eigentlich? Die Hektik unserer Welt macht müde, die „letzte Viertelstunde“ scheint nie aufzuhören.
Vielleicht ist genau das der Moment, an dem sich entscheidet, wie wir weitermachen. Ob wir einfach weiterhetzen – oder uns erinnern, wofür wir losgelaufen sind. Wer nur rennt, verliert leicht den Blick fürs Ziel. Wer innehält, schöpft neue Kraft.
Wer das Ziel im Blick behält, merkt unterwegs: Hoffnung ist die stärkste Antriebskraft. Leiser, aber beständiger als alles andere.
„Lauft mit Ausdauer in dem Wettkampf, der euch aufgetragen ist.“ (Hebräer 12, 1)
Wilfried Schutt ist Pfarrer im Evangelischen Dekanat Büdinger Land. Er koordiniert das kirchliche Engagement zur Landesgartenschau Oberhessen 2027.
für den 12. Oktober 2025
Nein, ich habe sie leider noch nicht mitgesungen, die Johannes-Passion von Bach. Es ergab sich einfach kei-ne Gelegenheit. Doch ich habe sie schon oft gehört – oder Teile dar-aus. Besonders beeindruckt mich der Eingangschor: „Herr, unser Herr-scher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!“ Der Text stammt aus Psalm 8,2. Er ist einer der heutigen Verse in den Herrnhuter Losungen.
Die Johannes-Passion ist beeindruckend. Und viele andere musikalische Werke sind dies auch. Einige wenige davon durfte ich in meinem Leben mitsingen – zum Beispiel das Weih-nachtsoratorium, das wir nun in die-sem Herbst für den Zweiten Advent wieder einstudieren.
Singen tut gut! Das Singen von eher anspruchsvollen Oratorien – aber ge-nauso das Singen von einfachen Lie-dern und Gesängen. So freue ich mich zum Beispiel heute auf den Lieder-nachmittag in der Weningser Kirche. Gemeinsam ein paar geistliche Lieder singen – unter fachkundiger Anlei-tung: Auch das ist Gottesdienst.
Singen tut gut. Und Singen ist wich-tig – auch im Leben eines Christen-menschen. Klar - nicht alle haben dafür eine Ader. Aber vielen Men-schen kann die Musik etwas geben – auch die selbst gestaltete Musik, so wie das Singen von Liedern.
Mit unseren Liedern können wir viel von dem ausdrücken, was uns so auf der Seele liegt. Wir können Gott lo-ben – wie im Eingangschor der Johan-nes-Passion. Doch wir können auch alles andere mit unseren Liedern ausdrücken: Klage, Ratlosigkeit, Bitte um Hilfe, Dankbarkeit. Es gibt so viele Lieder in unseren Gesangbü-chern und anderswo – ältere Lieder aber auch viele neue, moderne, in sehr unterschiedlichen Musikrichtun-gen. Viele Liedtexte sind direkt ein Gebet. Oder sie beschreiben unser Ergehen, das wir dann – auch im Sin-gen – zu Gott bringen, vor ihm aus-breiten dürfen.
Dabei kommt es nicht unbedingt auf Perfektion an. Klar: Für die Auffüh-rung eines Oratoriums ist es schon von Vorteil, wenn am Ende der Proben alle Chormitglieder die richtigen Töne treffen. Aber außerhalb von Konzerten, beim schlichten Singen im Gottesdienst, beim Liedernachmittag, bei der Wanderung oder im Wohnzimmer – sei es alleine oder in der Gruppe: Da ist der perfekte Ton nicht das Wichtigste, sondern vor allem: Das Kommen zu Gott in der Musik. Singen tut gut! Es kann unsere Seele näher zu Gott bringen.
Ulrich Bauersfeld ist stellvertretender Dekan und Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht