Ich habe Recht – oder die Sache mit dem differenzierten Blick

von Dieter Wichihowski

für den 22. März 2026

Manchmal beobachte ich meine Enkelkinder beim Spielen im Garten. Darunter vier Jungs im Alter zwischen drei und zehn Jahren.

„So, wie ich es sage, wird es gemacht!“ – „Nein, so wie ich es sage ist es richtig!“

Da geht es schnell hoch her, wer sich von ihnen im Recht glaubt und meint, seine Meinung sei die allein richtige. Und es kann dann vorkommen, dass der, der sich im Recht glaubt, zum Opa kommt und einfordert: „Sag du ihnen doch mal, dass ich Recht habe!“

„Schaffe mir Recht!“, so auch der Name des morgigen Sonntags „Judika“, dem 5. Sonntag in der Passionszeit.

„Schaffe mir Recht!“, so auch die ersten Worte des 43. Psalms, der an diesem Sonntag in den Gottesdiensten gelesen wird und von dem der Sonntag seinen Namen ableitet. Es ist der Ruf des Psalmbeters an seinen Gott im Gegenüber zu einem Volk, das dieser Beter als „unheilig“ oder auch gottlos bezeichnet.

Und ich höre dieses Wort in unseren Tagen immer öfter – immer lauter – immer fordernder;

Ich höre es in den Medien und Nachrichten, an den Arbeitsplätzen und in den Nachbarschaften, in den Vereinen und Familien.

„Schaffe mir Recht!“, und jeder glaubt mit seinem Denken, mit seiner Meinung oder seiner politischen Überzeugung im Recht zu sein oder es zumindest einfordern zu müssen. Das eigene Recht wird über das Recht der Andersdenkenden gestellt, denn denen fehlt ja (aus der eigenen Sicht) der Durchblick. Wir leben in einer Zeit, in der es zunehmend nur noch um das eigene Recht und um die eigene Sichtweise geht. Das fängt in der großen Politik an und hört beim Streit um die Höhe des Gartenzauns in der Nachbarschaft auf.

Der Sonntag „Judika“ lädt uns aber auch dazu ein, einmal die Perspektiven des Gegenübers einzunehmen und die Sachverhalte unseres Zusammenlebens aus deren Blickwinkel zu betrachten. Kein Mensch hat das Recht für sich gepachtet, sondern wir alle stehen – seien wir nun gläubig oder nicht – unter dem Recht, das Gott über die Menschen gesetzt hat: das Recht auf Liebe und Akzeptanz, auf Würde und der Achtung voreinander. 

Zu Durchsetzung dieses Rechts hat Gott Jesus Christus seinen Weg an das Kreuz gehen lassen. Und in ihm hat Gott uns längst unser Recht verschafft. Vielleicht sollten wir dies einmal bedenken, wenn wir das nächste mal glauben, unser persönliches Recht einklagen zu müssen, sei es vor Gott, vor Gericht oder einfach nur im Streit der Enkelkinder vor dem Opa.

Dieter Wichihowski ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes


Bis ans Ende der Welt

von Hanne Allmansberger

für den 15. März 2026

Es ist Frühling. Die Sonne hat schon Kraft. Ich freue mich über die Osterglocken in voller Blüte und die Tulpen, die sich schon hervorgewagt haben. Im Garten schneide ich Rosen zurück und freue mich, dass bald auch dort die unterschiedlichen Farben zu sehen sein werden und der Duft meine Nase erreicht. 

Die Natur lebt auf. Ich lebe mit ihr auf. Bald werde ich in Vorbereitung auf das Osterfest ein Kreuz mit Kressesamen einsäen. Wie schnell die kleinen Kressesamen dann aus der dunklen Erde grüne Keime treiben. Das grüne Kreuz als Symbol der Hoffnung. 

Zuversicht brauchen wir Menschen gerade in krisenhaften Zeiten. Manches Mal sehe ich nur die schlimmen Nachrichten wie Krieg und Terror im Iran, in der Ukraine. Unfälle, Leid, Krankheit und Tod können die Welt finster erscheinen lassen. In der Passionszeit denken wir in ökumenischen Andachten in der katholischen Liebfrauenkirche Nidda über die Themen Schuld und Vergebung nach. 

Die Andachten beleuchten dabei unterschiedliche Aspekte wie den manchmal empfundenen Zwang zur Vergebung oder die Schwierigkeit, sich selbst zu verzeihen. Dazu werden verschiedene Szenen und Personen aus der Passionsgeschichte in den Blick genommen, wie Pilatus, Judas oder auch die Jünger, die unter dem Kreuz fehlten. 

Schuld ist unpopulär – niemand will schuld an etwas sein. Schon Pilatus wusch sich lieber die Hände in Unschuld. Am Samstag werden Konfirmandinnen und Konfirmanden in Ober-Schmitten ihren Vorstellungsgottesdienst zum Thema „Abendmahl“ gestalten, am Sonntag wird eine Gruppe von Konfis das Thema „Was kommt nach dem Tod?“ im Vorstellungsgottesdienst bedenken. 

Ich freue mich, dass da ernste Themen von jungen Menschen bedacht und durchdacht wurden. Manchmal traue ich den Jugendlichen das gar nicht zu, aber ich lasse mich gerne überraschen. Der morgige Sonntag Laetare wird auch als „kleines Ostern“ bezeichnet. Texte und Lieder blicken voraus auf die Freude und den Trost, die in Gottes Heilshandeln begründet sind. „Die Stunde ist gekommen“, kündigt Jesus sein Sterben und Auferstehen an, „dass der Menschensohn verherrlicht werde“. Das dürre Tal ist nur ein Abschnitt, am Ende ist Freude in Gottes Gegenwart.

Benannt ist der Sonntag nach einem Vers aus Jesaja 66,10: „Freut euch mit Jerusalem!“ Wenn wir in diesen Tagen nach Jerusalem schauen, dann bin ich bedrückt, denn der neue Krieg überdeckt schon wieder das Elend im Gazastreifen und das Leid der Palästinenser, neues Leid entsteht in so vielen Ländern. Manchmal bin ich so deprimiert, dass ich mich frage: Wann wird es im Nahen Osten vernünftige und tragfähige Schritte in Richtung auf Demokratie und Menschenrechte geben? Ich bin da wenig hoffnungsvoll. Geknickt. Ohne Kraft.

Aber Jesus sagt: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, dann bringt es keine Frucht. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. In der dunklen Erde keimt das Korn, wird weich und süß und kriegt Kraft, schickt den Halm ans Licht, wächst ins Leben zurück. Eines Tages wird Gott die Gebeugten aufrichten.

Bis dahin bin ich nicht allein. In Jesus ist Gott nah. Sein Leben, sein Leiden bringt Frucht. Er war geknickt. Hat gelitten. Ist gestorben. Aber Gott hat ihn nicht im Dunkeln gelassen. Gott hat ihn auferweckt als ersten von uns allen. So trägt er tausendfache Frucht. Er lebt und trägt meine Last mit mir. Er geht alle Tage mit uns bis ans Ende der Welt.

Hanne Allmansberger ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Niddaer Land


Das Ziel fest im Blick

von Alexander Wohlfahrt

für den 8. März 2026

Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. So heißt es in einem Kinderlied. Wieder ist es März geworden. Der Bauer spannt indes keine Rösslein mehr ein, sondern setzt sich auf seinen Traktor. Nach wie vor muss der Acker gepflügt werden, bevor er weiter bearbeitet und schließlich die Saat ausgebracht werden kann. Mit dem Pflügen beginnt das Jahr der Bodenbearbeitung. Jahr um Jahr aufs Neue.

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. So mahnt Jesus seine Zuhörer in dem Bibelvers (Lukas 9,62), der über der kommenden Woche steht. Wer seine Hand an den Pflug legt und zurück sieht, der ist in der Tat ungeschickt. Auch wer auf seinem Traktor sitzt und nach hinten schaut, während er vorwärts fährt, wird keine gerade Furche zurecht bringen. Dann gerät schief, was er unternimmt.

Unsere Arbeit und unsere Aufgaben benötigen unsere Konzentration und Aufmerksamkeit. Wer eine Maschine bedient, sollte auch hinsehen auf das, was er da macht. Wenn ich einen Text tippe, ohne hinzusehen, mache ich viele Schreibfehler. Vorhin ist mir die Suppe übergekocht, weil ich durch ein Telefonat abgelenkt war. Im entscheidenden Moment kurz unaufmerksam, schon war es geschehen.

In einer Welt voller Ablenkungen und Zerstreuungen ist es manchmal schwierig, aufmerksam und konzentriert bei einer Sache zu bleiben. Solange nur die Suppe überkocht, ist das nicht schlimm. Das ist nur eine Aufgabe am Wegesrand und nicht der Rede wert. Bei den großen Zielen, die wir anstreben, wie das Reich Gottes, von dem Jesus hier spricht, ist das schwieriger.

Wer sich beim Pflügen dauernd ablenken lässt und sich umdreht, wird den Zielpunkt am anderen Ende des Ackers nicht treffen. Und wenn dieser Zielpunkt das Reich Gottes ist, dann geht es schon um etwas. Je wichtiger das Ziel ist, das ich erreichen will, umso wichtiger ist es auch, mich zu konzentrieren, fokussiert auf dem Weg dorthin zu sein, mich möglichst nicht ablenken zu lassen, damit ich nicht scheitere und mein Ziel verfehle.

Dazu ist es zunächst wichtig, mir mein Ziel überhaupt erst bewusst zu machen. Welches Ziel strebe ich überhaupt an? Und welche Bedeutung, welche Priorität hat dieses Ziel für mich? Es gibt vieles, was erstrebenswert ist. Aber ich kann nicht alles umsetzen, weil meine Zeit und Kraft begrenzt sind. Ich muss mich entscheiden. Welches Ziel verfolge ich?

Wenn ich in mir klar geworden bin über meine Ziele, dann bin ich so weit, meine Hand an den Pflug zu legen und anzufangen. Vorher bin ich dazu ungeschickt, verfange mich in ziellosem Aktionismus und vergebener Liebesmüh, ohne wirklichen Ertrag, nur schiefe Furchen. Nun aber kann es losgehen, das Ziel fest im Blick: Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.

Alexander Wohlfahrt ist Pfarrer in der Kirchengemeinde Konradsdorf


„Kommt! Bringt eure Last“

von Elisabeth Engler-Starck

für den 22. Februar 2026

Auf meinem Schreibtisch liegen gerade mehrere Broschüren. Die Titelbilder zeigen Schwarze Frauen und Mädchen, mal fröhlich, mal nachdenklich. Auf allen Broschüren steht „Kommt! Bringt eure Last.“. Das ist das Leitwort zum diesjährigen Weltgebetstag, den diesmal Frauen aus Nigeria vorbereitet haben. 

Am Weltgebetstag, der immer am ersten Freitag im März stattfindet, sind Menschen auf der ganzen Welt eingeladen, gemeinsam zu beten, zu feiern und in Kultur, Lebensrealität und Glaubenserfahrungen des Gastgeberlandes einzutauchen. Das diesjährige Gastgeberland Nigeria ist ein Land voll religiöser Vielfalt und kulturellem Reichtum. Aber auch ein Land, das vor großen Problemen steht: Ungleichheit zwischen Arm und Reich, Naturkatastrophen und immer wieder Gewalt. 

Aus dieser Situation heraus geben die Frauen aus Nigeria uns diesen Vers mit „Kommt! Bringt eure Last.“. Er ist angelehnt an einen biblischen Vers, den Jesus im 11. Kapitel des Matthäus-Evangeliums spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Aus den Geschichten von Frauen, die in der Gottesdienstordnung des Weltgebetstags vorkommen, spricht viel Vertrauen darauf, dass Gott in allem – auch im Leid – da ist und der Glaube an Jesus Christus hilft, auch schwierige Situationen zu ertragen.

Neben den Weltgebetstags-Broschüren liegt auf meinem Schreibtisch gerade auch ein Flyer. „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte.“ steht darauf. Es ist der Flyer zur diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche während der Passionszeit. Die Aktion lädt ein, die eigenen Härten zu hinterfragen und Unbarmherzigkeit zu überwinden. 

Die Passionszeit, die sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern, wirbt für Umkehr und für einen Perspektivwechsel. Sie ist eine Zeit zum Innehalten, die den Blick auf das Leiden Jesu und auf die Dunkelheit in der Welt lenkt, aber auch auf Gottvertrauen: Gott selbst kennt die Last der Welt. Er bleibt nicht fern vom Schmerz, sondern trägt ihn mit. Er eröffnet damit einen Raum ohne Härte, einen Ort, an dem man verletzlich sein darf und dennoch geschützt ist. Wer den Weg Jesu und sein Leiden in der Welt in der Passionszeit betrachtet, erkennt: Gottes Antwort auf die Härte der Welt ist nicht Gegengewalt, sondern Liebe. Das nährt Hoffnung auf eine Welt, in der Mitgefühl stärker ist als Härte.

„Kommt! Bringt eure Last.“, ein kleiner Satz auf den Weltgebetstags-Broschüren, der für mich die ganze Passionszeit zusammenfasst. Denn die Aufforderung ist zugleich ein Versprechen: Niemand muss den Weg alleine gehen und seine Lasten alleine tragen. Ein Versprechen an eine Welt, die Mitgefühl und Hoffnung braucht.

Elisabeth Engler-Starck ist Referentin für Ökumene im Evangelischen Dekanat Büdinger Land


Mehr als Konfetti

von Alexander Starck

für den 15. Februar 2026

In den vergangenen Wochen war die Faschingsfreude schon spürbar: Sitzungen, Kinderfasching, Faschingsgottesdienste und vieles mehr gab es zu feiern. Und nun stehen die närrischen Tage mit zahlreichen Umzügen an.
Die Tage sind voller Farben, Musik liegt in der Luft, und die Vorfreude auf das große Faschingswochenende ist überall spürbar. Straßen und Säle werden zu Bühnen, der Alltag darf Pause machen.

Es ist gut, dass es diese Zeiten gibt: Zeiten zum Lachen, zum Ausgelassensein, zum gemeinsamen Feiern. Am Aschermittwoch ist dann das närrische Treiben schon wieder vorbei und die Passionszeit beginnt. Was bleibt übrig, wenn das rauschende Fest vorüber ist? Oft folgt ja auf eine durchfeierte Nacht der Kater. Manchmal ist er mehr als nur körperlich. Vielleicht lohnt es sich schon mitten in der Vorfreude, darüber nachzudenken, was uns trägt – nicht nur heute, sondern auch morgen. Was trägt uns, wenn Konfetti und Luftschlangen wieder weggefegt sind? Was trägt uns, wenn uns der Alltag wieder fest im Griff hat?

Die Bibel kennt diese Spannung zwischen Fest und Ernüchterung gut. Sie erzählt von Menschen, die das Leben feiern, die Gemeinschaft suchen, die satt werden wollen – und die doch spüren, dass äußere Fülle allein nicht genügt. 
Jesus selbst zieht sich immer wieder zurück, besonders nach intensiven Momenten. Nicht, weil ihm das Leben zu viel wäre, sondern weil er weiß, dass der Mensch mehr braucht als Lärm und Ablenkung. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, sagt er, sondern von dem, was ihm wirklich Halt gibt.

Mit dem Aschermittwoch beginnt die Passionszeit – keine freudlose Zeit, sondern eine ehrliche. Eine Zeit, in der gefragt werden darf: Was nährt mich? Was lasse ich an mich heran? Worauf verlasse ich mich, wenn die rauschenden Feten vorbei sind? Die Einladung der kommenden Wochen ist leise, aber klar: innehalten, nüchtern werden, das Wesentliche wieder entdecken.

Vielleicht ist die Passionszeit so etwas wie ein Gegenmittel gegen den Kater danach. Kein schneller Trost, sondern ein Weg, der Tiefe schenkt. Ein Weg, auf dem Gott uns nicht als perfekte Feiernde begegnet, sondern als Menschen mit Sehnsucht. Und der uns zusagt: Du musst dich nicht betäuben oder verstellen, um das Leben zu ertragen. Ich bin da, ich sehe dich – auch dann, wenn der Konfetti-Boden leergefegt ist.

Alexander Starck ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Niddaer Land


Eine Portion Rückenwind gefällig?

von Ulrike Wohlfahrt

für den 8. Februar 2026

Was für eine Woche! Das fing schon am Montag an, als ich an der Tankstelle vorbeifuhr und mich in DM-Zeiten zurückversetzt wähnte. Aber nein, der Preis ging in Richtung zwei Euro. Als ich las, wie sich die Lage im Iran zuspitzte, verstand ich das immerhin besser.

Bei all dem, was wir durch die Medien alles vermittelt bekommen, könnte man schon vom Glauben abfallen. Wo ist denn der Gott, der in der Welt alles zurecht bringt? Wo ist der Trost für die Opfer von Epstein? Wo ist die Rettung für die Menschen, die auf den Straßen erschossen werden? Und wo ist Gott für uns in unseren ganz alltäglichen Sorgen?

Ich finde die Frage berechtigt. Eine einfache Antwort habe ich darauf auch nicht. Ich wünsche mir eine starke Macht, die das abstellt: alle Kriege, alle Sorgen, alle Nöte. Wie ich mir das vorstelle? 

Da fängt das Problem an. Ich habe gar keine Vorstellung, wie das gehen kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Gott, der so barmherzig ist, Panzer benutzt. Eine merkwürdige Vorstellung: Gott im Panzer oder gar auf der Raketenabschussbasis. 

Eine Vorstellung in der Bibel ist, dass Gott selbst im Windhauch zu spüren ist. Ein Windhauch, der heimlich still und leise, aber beständig die Welt verändert. Dieser Windhauch kann auch bei den Opfern der Regime sein; bei den Opfern von Krieg und Gewalt. Dieser Gott kann mit ihnen leiden, sie aber auch stützen und stärken. Wer einmal an der Küste unterwegs war, weiß, dass es oft einen ganz schönen Unterschied macht, ob dieser Wind einem entgegenbläst oder im Rücken anschiebt, so leicht und zurückhaltend er auch immer wehen mag. Möge dieser Wind Gottes so manchen Unheilsbringern entgegenwehen, allen anderen aber aufhelfen und Lebenskraft geben. Dieser Gott kann auch mit uns durch fröhliche Tage wirbeln bei all den Faschingsfeiern – und wann immer wir das Leben genießen.

Ulrike Wohlfahrt ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Büdingen


Wilfried ist zu Tisch

von Friedrich Fuchs

für den 1. Februar 2026

Ein schickes Großessen. Viele Leute. Biblisches Personal kümmert sich um ihr Wohl. So erinnere ich ein jiddisches Lied, das ich vor Jahren im Radio gehört habe. Joram besorgte mir jetzt den Text. Da wird der Rabbi gefragt: Was wird geschehen, wenn der Messias kommt? Die Antwort lautet: Wir werden ein Fest feiern, werden den wilden Ochsen und den Leviathan essen, werden Wein aus der Zeit der Schöpfung trinken. Moses, unser Lehrer, wird uns das Gesetz erklären. König David wird für uns musizieren. König Salomo wird uns weise Worte sagen. Die Prophetin Miriam wird für uns tanzen.

Den wilden Ochsen und den Leviathan habe ich gegoogelt. Das sind riesenhafte Ungeheuer aus der jüdischen Überlieferung. Sie symbolisieren das Böse. Der Ochse heißt anderswo Behemoth und treibt sein Unwesen auf dem Land. Der Leviathan ist im Wasser. Es gibt noch eine dritte Bestie: Sis wirkt in der Luft. Allerdings kommt er im Lied nicht vor. Das Böse ist sozusagen in drei Aggregatzuständen allüberall. Bei der Ankunft des Messias wird es unschädlich gemacht und durch gemeinschaftliches Verspeisen beseitigt. Eine tolle Vorstellung.

Ich weiß nicht, ob die drei jüdischen Ungetüme mit dem christlichen Höllendrachen verwandt sind. Der gehörte im Mittelalter zum Inventar der Bilder vom Weltgericht. Hier wird er aber nicht aufgegessen, sondern frisst selbst. Er verschlingt die Bösen, die der Weltrichter verurteilt hat. Während die Erlösten in den Himmel einziehen, ist sein Maul der Eingang zur Hölle. In der nahen Kirche aus dem 15. Jahrhundert kommt er mir nicht wirklich unsympathisch vor. Er erinnert hier ein wenig an den Glücksdrachen Fuchur in der Verfilmung von Michael Endes unendlicher Geschichte. Na ja. Wie dem auch sei. Ich habe mir vorgenommen, gelegentlich der Sache nachzugehen.

Aus meiner Grundschulzeit erinnere ich das Gleichnis vom großen Abendmahl. Lukas vierzehn. Ein Mensch lädt zum schicken Großessen ein. Die Geladenen enttäuschen ihn. Nacheinander entschuldigen sie sich mit fadenscheinigen Ausreden. Sie können nicht kommen wegen Ackerkauf, Ochsenkauf oder Heirat. Die Hochmögenden springen ab. Der Hausherr zürnt. Dann sollen eben andere kommen. Zuerst die Beschädigten, schließlich alle, alle. Ich weiß noch genau, dass ich damals kein Bild der Feiernden in mein Reli-Heft gemalt habe. Ich malte zwei feiste Bauern und ein Hochzeitspärchen. Im Herzen bewegte ich derweil flotte Ausreden, um dem Besuch des Kindergottesdienstes am nächsten Sonntag zu entkommen. Heute denke ich: Ei verflixt noch mal!

Das Festmahl gehört für mich zu den schönen Bildern für Gottes Reich. Die beisammen sind, haben nichts gegeneinander vorzubringen. Ihre Wunden sind verheilt. Freude ist da. Fragen sind beantwortet oder spielen keine Rolle mehr. Die Sorgen sind verschwunden. Alle haben genug. Die Atmosphäre stimmt. Wenn ich Trauerfeiern leite, spreche ich öfter davon. Das Stück Zeit eines Menschen ist verbraucht. Er geht von hier nach dort. Von Wilfried weiß ich, dass er gern gefeiert hat. Er war gesellig im wirklich guten Sinn. Würde ich gefragt, wo er jetzt ist, wäre ich um eine Antwort nicht verlegen. Ich nehme an, er ist zu Tisch.

Friedrich Fuchs ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Büdingen


„Sondervermögen“ – Zum Unwort des Jahres

von Maria-Louise Seipel

für den 18. Januar 2026

Sondervermögen - so heißt das Unwort des Jahres 2025. Die Jury begründet ihre Wahl damit, dass das Wort suggeriere, es gäbe bislang unbekannte Rücklagen, eine Art geheimen Topf, der gut gefüllt ist. Es klingt so, als wäre irgendwo dieser riesige Haufen Geld, den bisher einfach noch niemand angetastet hat. 

Die Wahrheit ist allerdings eine andere. Es handelt sich um neu aufgenommene Schulden. Geld, das noch nicht da ist, wird ausgegeben, als wäre es vorhanden. Das Wort verschleiert, dass die Last verschoben wird. Es gaukelt eine Fülle vor, wo keine ist. Es beruhigt, während die Rechnung wächst. Die Kritik, die mit der Wahl der Jury verbunden ist, richtet sich vornehmlich an politische Entscheidungsträger. 

Aber wir kennen das auch persönlich – und ich rede nicht über Ihr Bankkonto. Wie oft tun wir so, als hätten wir Reserven. Kraft, Aufmerksamkeit oder Zeit, obwohl das innere Konto eigentlich leer ist.  Anstatt innezuhalten oder abzusagen, machen wir weiter. Anstatt das leere Energiekonto am Wochenende wieder zu füllen, dreht sich das Hamsterrad weiter. Wir glauben, wir könnten durchhalten, ohne zu merken, dass wir die eigene Grenze überschreiten. Wir nennen es Einsatz oder Pflicht. Das Etikett ändert nichts an der Bilanz. Die Überziehung zeigt sich in Gereiztheit und Erschöpfung.

Draußen ist Winter. Der Winter macht uns einen Gegenvorschlag: Die Natur hält inne. Sie ruht, ohne Erklärung. Sie zieht sich zurück. Sie blüht nicht weiter, lässt sich dazu auch nicht drängen oder überreden. Der Winter macht deutlich, dass Pausen notwendig sind. Er zeigt, dass Energie begrenzt ist.

Der Winter lädt ein, hinzuschauen, wann unsere eigenen Reserven erschöpft sind. Nicht warten, bis das innere Konto überzogen ist. Nicht so tun, als gäbe es ein inneres „Sondervermögen“.

Das gilt für kleine Entscheidungen: für die Stunden, in denen wir bewusst eine Pause einlegen, für die Momente, in denen wir Aufgaben verschieben, statt uns zu überlasten. Es gilt ebenso für größere Zusammenhänge: für die Ansprüche, die wir an uns selbst stellen, und für die Art, wie wir unseren Alltag planen. Alles, wofür wir einen „Kredit“ aufnehmen, hinterlässt Spuren. Früher oder später kommt die Rechnung, dann müssen wir zurückzahlen, was längst ausgegeben ist. Mit Zinsen.
 
Sondervermögen ist ein Wort für Verschleierung. Für das Verschieben von Lasten. Das gilt für Geld und für uns selbst. Wir sollten ehrlich zählen, was da ist, bevor wir etwas ausgeben.

Maria-Louise Seipel ist Referentin des Evangelischen Dekanats Büdinger Land für Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung


Ich darf scheitern

von Dr. Detlef Metz

für den 11. Januar 2026

Na, wie sieht es an Ihrer „Vorsatz-Front“ aus, zehn Tage nach Neujahr? Dieses mehr: etwa Bewegung; hierfür mehr Zeit; dieses weniger; jenes gar nicht mehr. Das wollten Sie. Und nun? Noch gut dabei, oder schon wieder passé? Ja, es ist wohl ein Kampf.

Auf die Frage nach den Ursprüngen der guten Vorsätze gibt es in der Kulturgeschichtsforschung nicht die eine Antwort, aber dass es viel mit Religion zu tun hat, auf ein gottgefälliges Leben zielte, darüber besteht Einigkeit. Ebenso darüber, dass auch die Vorsätze das durchgemacht haben, was man Säkularisierung nennt: Sie haben sich von der Religion gelöst und dienen heute bei vielen dem, was als Selbstoptimierung bezeichnet wird. Es geht vornehmlich um Fitness, körperliche und mentale Gesundheit.

Vorsätze hatten immer etwas mit dem Übergang über eine Schwelle zu tun: dem Übergang in ein neues, unbekanntes Land, von dem niemand weiß, was es bringen wird. Daher gilt es – so der im Hintergrund stehende Gedanke – das, was dem Menschen möglich ist, in die eigene Hand zu nehmen, um so zumindest ein Stück weit das eigene Glück zu beeinflussen. Indem ich eine positive Richtung einschlage, hoffe ich auch, auf einen positiven Weg zu kommen, der am Ende gekrönt wird.

Es ist gut, sich Gedanken zu machen über das eigene Leben, den Lebensstil, gut auch, andere da mit einzubeziehen, etwa beim Vorsatz: mehr Zeit für Familie, für die Menschen, denen ich verbunden bin, für ehrenamtliche Tätigkeit zu Gunsten anderer. Ein Jahreswechsel bietet dazu einen guten Anlass.

Keiner der üblichen Vorsätze ist „daneben“. Aber, dessen sollte ich mir bewusst sein: Das Umsetzen keines Vorsatzes birgt eine wirkliche Erfüllung in sich. Und: Wer sich auch noch so sehr selbst optimiert, empfängt daraus nicht (sein) Leben, vielmehr bleibt er, sie letztlich auf sich selbst zurückgeworfen. Es fehlt die Dimension nach oben – und die nach der Seite. Umgekehrt bedeutet das aber auch: Scheitere ich an meinem Vorsatz, ist davon mein Selbstwert nicht berührt. Ich darf scheitern.

Dem Apostel Paulus gelang es auch nicht, alle seine Vorsätze umzusetzen. Im 17. Psalm bitten die Betenden Gott um Hilfe, dass ihr Vorsatz, ihr Mund solle sich nicht vergehen, gelingt. Gott: Er allein ist seiner selbst mächtig. Er hält seine Vorsätze, nimmt sie nicht zurück. 2026 denken wir in den Kirchen an den so tröstlichen, Hoffnung machenden Vorsatz Gottes: „Siehe, ich mache alles neu!“

Detlef Metz ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Schotten – Ulrichstein


Worauf blicken wir

von Ulrich Bauersfeld

für den 4. Januar 2026

Vor einiger Zeit fiel mir ein Buch von Richard Wurmbrand in die Hände. Während der nationalsozialistischen Zeit und später während des Kommunismus war er starker Verfolgung ausgesetzt und verbrachte insgesamt 14 Jahre in Gefängnissen – oft unter extremen Bedingungen.

„In solcher Situation ist der Mensch vor eine Wahl gestellt“, – schreibt er in seinem Buch „Kleine Noten, die sich mögen“. Er erläutert dies anhand eines japanischen Gemäldes, das ein Wohnzimmer abbildet. Auf der einen Seite des Raumes steht ein wunderschöner Blumenstrauß, auf der anderen Seite ein Fernseher. Dieser zeigt gerade, wie ein Mann einem anderen den Kopf abschlägt.

Auffällig ist das Verhalten der Menschen in diesem Raum. Sie alle schauen gebannt oder entsetzt auf den Fernseher. Niemand aber richtet seinen Blick auf die Blumen.

Dieses Gemälde wurde Wurmbrand zum Gleichnis für sein eigenes Erleben im Gefängnis. Er konnte auf all das Grausame blicken, das ihn umgab: die Mauern und Gitter, die Folterer und ihre Werkzeuge. Wenn er jedoch allein sie im Blick gehabt hätte, wäre er zugrunde gegangen. Aber er konnte „auch zu Gott aufblicken“, schreibt er, „und auf die Welt der Engel schauen. Und man kann in der Phantasie die freundlichen Episoden seines Lebens wiedererstehen lassen. Christus half mir, dies zu tun.“

Richard Wurmbrand hat die Gefängnisse überlebt – auch aufgrund seines inneren Blickes, den er immer wieder versucht hat auf das zu richten, was ihm Halt geben konnte.

Das Schlimme war damit nicht aus der Welt. Aber er konnte seinen Weg gehen. Denn es macht einen Unterschied, wohin wir unseren inneren Blick richten: allein auf das Böse, Furchtbare – oder eben immer wieder auf das Gute in unserem Leben.

Das Schlimme sollen wir nicht leugnen. Wir müssen es wahrnehmen und – wenn möglich – dagegen angehen. Doch es darf uns nicht völlig bestimmen. Wir brauchen unseren inneren Blick auf etwas anderes: auf das, was uns Mut macht oder einfach Freude, was uns an Gutes erinnert oder Hoffnung gibt. Für mich ist hier zuerst der Blick auf Gott wichtig, auf Jesus Christus und auf die Hilfe, die er mir schon gegeben hat, das Gute, das ich schon erfahren konnte. Er gibt mir Hoffnung für die Gegenwart und für die Zukunft – auch für das begonnene Jahr, trotz allem, was an Schwierigem geschehen kann.

Ulrich Bauersfeld, Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht und stellvertretender Dekan des Dekanats Büdinger Land