Wie kommen wir runter von der Palme?

von Wilfried Schutt
für den 5. Juli 2026 – 5. Sonntag nach Trinitatis

Unsere Gesellschaft wirkt gereizt. Meinungen prallen explosiv aufeinander. Beim Familienessen, in der Nachbarschaft, im Büro, auf TikTok und Instagram: Schon ein falsches Wort, und aus dem Gespräch wird ein Schlagabtausch. Erstaunlich wenig braucht es, damit Menschen sich nichts mehr zu sagen haben.

Neu ist das nicht. Der Apostel Paulus schreibt an eine Gemeinde in Rom, die selbst unter massivem Druck stand: eine kleine, misstrauisch beäugte Minderheit mitten in einer übermächtigen, oft feindseligen Stadt. Gerade denen, die allen Grund zur Wut gehabt hätten, schreibt er: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“ 

Kein frommer Wunsch, sondern eine ziemlich clevere Gegenstrategie zu einem Mechanismus, den wir alle kennen: Gewalt macht ohnmächtig, Ohnmacht macht wütend, Wut erzeugt neue Gewalt. Eine Spirale, aus der so leicht keiner aussteigt.

Eine gute Beziehung ist wie ein Aquarium. Solange jeder ruhig seine Kreise zieht, ist alles im Gleichgewicht. Doch wenn Ärger und Vorwürfe hochkochen, wird daraus erstaunlich schnell eine Fischsuppe. Der Rückweg ist viel mühsamer. Aus der Suppe wieder klares Wasser werden zu lassen, braucht Zeit, Geduld – und manchmal Hilfe von außen.

Paulus’ Rezept ist herrlich unspektakulär: eine Nacht drüber schlafen, mit jemandem reden, der nüchtern bleibt, nicht jedes Wort aussprechen, das einem zuerst einfällt. Zerbrochenes Porzellan kann man kleben – klingt danach trotzdem anders.

Das heißt nicht, Unrecht klein zu reden. Manche Verletzungen verschwinden nicht über Nacht, manche begleiten Menschen jahrelang. Paulus fordert nicht das Vergessen. Er stellt eine andere Frage: Soll aus erlittenem Unrecht noch mehr Unrecht werden?

Vielleicht beginnt Frieden gar nicht mit der großen Politik, sondern viel kleiner: wenn wir nicht sofort zurückschlagen, wenn wir zuhören, wenn einer den Kreislauf durchbricht – nicht weil der andere recht hat, sondern weil es jemand tun muss.

Allein gelingt das selten. Wir brauchen Menschen, die uns bremsen, bevor wir explodieren, die uns Mut machen, wieder aufeinander zuzugehen. Vielleicht ist das gerade jetzt eine der wichtigsten Übungen: nicht jede Palme zu erklimmen, die uns angeboten wird.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Ein guter Vorsatz – nicht nur für diese Woche.

Wilfried Schutt ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes sowie Pfarrer für Innovation und die Landesgartenschau Oberhessen 2027 


Eine Frage der Haltung

von Tanja Langer
für den 21. Juni – 3. Sonntag nach Trinitatis

Gerade haben wir einen Pfarrkollegen in den Ruhestand verabschiedet und ein weiterer wird dieses Jahr noch folgen. Eine Situation, die in vielen Ecken unserer Landeskirche gerade an der Tagesordnung ist. Wir hören, dass es auf 100 Stellen nur zehn Bewerber gibt. Irgendwie lässt man da die Schultern etwas hängen. 

Ich habe aber Grund mich zu freuen, denn ich habe eine Schulpraktikantin aus der Oberstufe, die in diesen Wochen vor den Ferien in meinen Beruf reinschnuppern will. Nach den ersten Tagen merke ich, dass ich versuche, wie sie von außen auf meine Tätigkeit zu schauen. 

Ich bin mit meiner Berufswahl sehr glücklich. Es ist viel, aber es ist auch ein dankbarer Beruf. Die Begleitung und die seelsorgliche Arbeit mit den Menschen in meinen Gemeinden gibt mir sehr viel zurück. 

Ich möchte dieser jungen Praktikantin vermitteln, wie erfüllend diese Arbeit ist. Stattdessen habe ich sie in den vergangenen Tagen von Sitzung zu Sitzung mitgeschleppt und dachte, damit kann ich bei diesem jungen Menschen nicht den Funken für den Pfarrberuf entfachen. 

Sie erzählte mir zu Beginn, dass der Pfarrberuf in ihren Augen attraktiv ist, weil er so vielseitig ist. Eigentlich stimmt das ja auch. Nur die Daten in meinem Kalender spiegeln das gerade nicht wider. Ich merke selbst, dass die Situation erschöpfend ist und nicht ganz das Spektrum unserer Arbeit zeigt. 


Sie fragte mich nach meiner Motivation, Pfarrerin zu werden, denn ich habe ja schon einige andere Berufe vorher gemacht. Ich antwortete, dass ich es als meine Aufgabe sehe, meine Arbeit so gut zu machen, dass die Menschen wieder positiv auf die Kirche sehen, dass sie gerne unsere Angebote wie die Seelsorge, Gottesdienste, Kreise wahrnehmen und mit uns Gemeinschaft im Sinne von Jesus feiern. 

Dieser 3. Sonntag nach Trinitatis ist der Sonntag der „offenen Arme“. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, der das Erbe durchgebracht hat und trotzdem vom Vater mit offenen Armen empfangen wird, steht im Mittelpunkt. Und das passt prima.

Am Sonntag feiern wir bereits das dritte Mal das Gemeindefest unseres Nachbarschaftsraumes. Vieles ist noch im Werden und Entstehen, aber es gibt bei allem eine große Freude und Dankbarkeit darüber, dass wir so gut miteinander auskommen und so konstruktiv an alle Aufgaben herangehen.

Das war nur möglich, weil die Menschen sich untereinander nicht mit verschränkten Armen, sondern mit offenen Armen begegnet sind. Es ist eben eine Frage der Haltung. Ich hoffe, ich kann diesem jungen Menschen genau das vermitteln: Alles ist möglich, dem der da glaubt.

Zum Glück stehen noch viele andere Termine in den nächsten Tagen an, die besser zeigen, wie schön unser Beruf ist. Vielleicht kann ich langfristig die Zahl der Bewerber auf 100 Stellen damit auf elf erhöhen.

Tanja Langer ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes


Das Wunder von B...

von Wilfried Schutt
für den 14. Juni – 2. Sonntag nach Trinitatis

Wenn heute von einem „Wunder von B“ die Rede wäre, würden viele an Bern denken. An Fußball – und tatsächlich hat am Donnerstag die Weltmeisterschaft begonnen, größer als je zuvor, mit 48 Nationen und drei Gastgeberländern. Doch das „B“, an das ich denke, steht für Barmen.

Im Mai 1934 verabschiedeten evangelische Christinnen und Christen die Barmer Theologische Erklärung. Deutschland war bereits von den Nationalsozialisten beherrscht. Viele hatten sich dem Zeitgeist angepasst. Auch in der Kirche gab es Stimmen, die nach einem starken Führer riefen und die Kirche dem politischen System angleichen wollten.

Dagegen setzte die vierte Barmer These ein klares Wort Jesu: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch.“

Kirche, so die Barmer Väter und Mütter, lebt nicht von starken Führergestalten. Sie lebt vom gemeinsamen Dienst. Von gemeinsamer Verantwortung. Von Menschen, die miteinander auf Christus hören.

Das war 1934 mutig. Es widersprach dem Zeitgeist – und einem Regime, das keine Widersprüche duldete.

Mehr als neunzig Jahre später wirkt dieses Wort erstaunlich aktuell. Krieg in der Ukraine, Eskalation im Nahen Osten, wirtschaftliche Sorgen auch bei uns. Und allerorts die Sehnsucht nach starken Männern mit einfachen Antworten. Sie ist nicht verschwunden. Sie trägt nur andere Namen.

Barmen erinnert: Christlicher Glaube setzt nicht auf Herrschaft, sondern auf Verantwortung. Nicht auf blinden Gehorsam, sondern auf gemeinsames Hören. Nicht auf Macht über andere, sondern auf Dienst füreinander.

Dieser Weg ist weniger spektakulär. Er verspricht keine schnellen Lösungen. Er braucht Geduld, Gesprächsbereitschaft und manchmal auch den Mut zum Widerspruch.

Glaube ist kein Zuschauen. Er ist Mannschaftsspiel.

Aber die Kirche lebt nicht von ihrer Mannschaft. Sie lebt davon, dass Christus in ihrer Mitte ist. Darum dürfen Menschen Verantwortung übernehmen, ohne sich selbst für unersetzlich zu halten.

Wilfried Schutt ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes sowie Pfarrer für Innovation und die Landesgartenschau Oberhessen 2027


Eine Lektion in Liebe

von Alexander Wohlfahrt
für den 7. Juni – 1. Sonntag nach Trinitatis

Mit der Liebe ist das so ein Thema. Manchmal geht es auch schief. Nicht nur zwischen Mann und Frau. Mit der Liebe zum Nächsten ist das nicht anders. Mancher Nächste macht es einem schwer. Und manchen Nächsten kann man einfach nicht lieben, so sehr man es auch versucht. Manchmal passt es eben einfach nicht. Und ich lasse mir dann nicht einreden, das liege nur an mir. Einer allein ist nie schuld.

Die ersten Christen nach Pfingsten in Jerusalem haben die Liebe sehr hoch gehalten. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Davon hören wir an diesem Wochenende in den Predigten in unseren Kirchen.

Die Menge der Gläubigen war „ein Herz und eine Seele″, heißt es in der Apostelgeschichte. Bei der Formulierung muss ich immer an Ekel Alfred und seine Else denken. Die waren auch „ein Herz und eine Seele″. Fachleute wissen da gleich Bescheid. Es menschelt eben überall, auch in christlichen Gemeinden. Manchmal sogar besonders da.

Dann haben es die Christen damals in Jerusalem aber etwas übertrieben mit der Nächstenliebe. „Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern sie hatten alles gemeinsam″, heißt es weiter. Da ist er, der Kommunismus der Urchristenheit. Natürlich nicht erzwungen, am Ende noch mit Waffengewalt, außer vielleicht bei Hananias und Saphira ein Kapitel später, sondern alles aus freier Nächstenliebe. Weil sie ein Herz und eine Seele waren.

Das Ergebnis klingt großartig: „Es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte.″ Also alle versorgt, satt und zufrieden. Keine Not mehr. Bei niemandem. Toll! Wie hat man das gelöst? „Wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen.″ Da kamen also die Moneten her: Verkauf von Immobilien und anschließende Spende des Verkaufserlöses an die Gemeinde.

Wissen Sie jetzt, was Sie zu tun haben? Bitte tun Sie es nicht! Nehmen Sie stattdessen Ihre Bibel zur Hand und lesen Sie wenigstens die ganze Apostelgeschichte, am besten auch noch die Briefe von Paulus.

Dann erfahren Sie folgendes: Wenige Jahre später ist die christliche Gemeinde in Jerusalem vollkommen verarmt. Der Apostel Paulus reist durch Kleinasien und Griechenland und sammelt Geld für sie. Und das kommt wahrscheinlich nicht einmal an. Paulus wird verhaftet und nach Rom gebracht.

So ist das, wenn man seinen Kapitalstock auffrißt. Es ist nichts mehr da, das investiert werden könnte, womit sich Einkommen schaffen ließe. Keine Pacht- und Ernteerträge vom Land mehr, keine Miteinnahmen aus den Häusern, nichts, was noch beliehen werden könnte. Der Pleitegeier kreist. Man wird selbst von Almosen abhängig. Wenn sie denn ankommen. Kein erstrebenswerter Zustand.

Was tun? Lesen hilft! Das höchste Gebot lautet: Liebe Gott über alles, und deinen Nächsten wie dich selbst. Wie dich selbst. Nicht mehr als dich selbst. Und schon gar nicht über alles. Das bleibt aus guten Gründen Gott allein vorbehalten. Nur wie dich selbst. Nicht mehr.

Auf deutsch: Sorge zuerst für dich, wahre deine Grenzen und gib dich niemals auf. Dann klappt’s auch mit dem Nächsten. Zumindest den meisten. Dafür langfristig.

Alexander Wohlfahrt ist Pfarrer in der Kirchengemeinde Konradsdorf


Ein Raum für Hoffnung, Freude und Mut

von Reiner Isheim
für den 31. Mai – Trinitatis

Wer regiert die Welt? Da kommen doch einige sehr mächtige Männer in den Sinn. Die also, die die großen Nationen regieren und auch Kriege führen. Doch auch diese Menschen sind sterblich und müssen einmal abtreten. Da ist es mir ein guter Gedanke, dass kein Mensch, sondern Gott die Welt regiert. Alle anderen Regenten sind nur für eine kurze Zeit mächtig und treten einmal ab. Vielleicht viel schneller, als es jetzt den Anschein hat. Dagegen bleibt Gottes Wirken, das kein Ende hat. Bei Gott ist die Welt in guten Händen. 

Freilich ist von diesem Regieren oft wenig zu merken. Warum? Einen Hinweis finde ich in der Bibel beim Propheten Maleachi: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist.“ Was hat es also mit diesem Geist auf sich? Das Pfingstfest feiert, dass der Geist Gottes herabkommt auf die Anhänger Jesu. Der Geist soll also in den Menschen wirken. Das ist weitaus unauffälliger als Heeresmacht und Krafteinwirkung. Was tut nun der Geist Gottes in den Menschen? Die Pfingstgeschichte erzählt: Er schenkt den Jüngern eine Sprache, die alle Menschen verstehen. Er verbindet die Menschen. Er ermöglicht Miteinander. Er bewirkt Hoffnung, Freude, Mut, Besonnenheit und Mitgefühl. Kurz gesagt:  Er ist ein Geist der Liebe. Das Regieren Gottes durch den Geist wird in der Bibel im ersten Johannesbrief so erklärt: „Gott ist die Liebe; wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. 

Jetzt ist die Woche nach Pfingsten und der Sonntag, der Trinitatis heißt. Trinitatis ist auf Deutsch: Dreieinigkeitsfest. Dieser Sonntag erinnert daran, dass Christen an den einen und gleichzeitig dreieinen Gott glauben. Wie kann man sich das vorstellen? Ein Gott und doch drei? Es ist kompliziert. Aber das Leben ist meistens auch kompliziert. Das Weltgeschehen noch viel mehr. Da sollte man sich Gott auch nicht allzu einfach vorstellen. 

Für mich ist diese Lehre von der Dreieinigkeit ein Hinweis darauf, dass Gott Liebe ist. Denn die Liebe braucht doch ein Du. Wenn ich sage: Ich liebe; dann stellt sich doch sofort die Frage: Wen oder was liebst du? Die Liebe erfüllt sich darin, dass sie anderswo ankommt, und so zwei verbindet. Unausweichlich entwickelt sich daraus die Dreiheit: der Eine, der liebt, der andere, der geliebt ist und als drittes die Liebe selbst, die Verbindung der zweien. Das finde ich großartig an der christlichen Vorstellung von Gott. Sie stellt die Liebe dar. Da regiert kein einzelner Mächtiger, kein Diktator oder gar ein Tyrann. Sondern da ist Liebe: Eine Verbindung und Beziehung, ein Miteinander, ein Raum für Hoffnung, Freude, Mut, Besonnenheit und Mitgefühl, eine wunderbare Lebendigkeit. Mit dem Geist Gottes kann dies auch uns erfassen. Das feiert die Christenheit am Sonntag nach Pfingsten, der Trinitatis heißt. 

Reiner Isheim ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Niddaer Land


Wenn aus „euch“ und „uns“ ein „Wir“ wird

von Birgit Hamrich
für den 24./25. Mai – Pfingsten

Schon beim Eintreten weht mir der Wind des Atlantik entgegen: Eine kleine Kirche hoch oben in den Westfjorden Islands, darunter das weite Meer. Drinnen: festlich gekleidete Menschen, Trachten, ein Konfirmand im Glitzeranzug, eine freundlich lächelnde Pfarrerin. Und wir zwei – sichtbar fremd in unserer Wanderkleidung, ohne ein Wort Isländisch zu verstehen.

Und doch: Wir verstehen. Die Melodien tragen, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser – an ihrem Klang erkennbar. Kein Wort ist uns sprachlich zugänglich, und dennoch entsteht Gemeinschaft. In diesem Moment ahne ich: So muss es in Jerusalem damals gewesen sein.

Die Bibel erzählt in der Apostelgeschichte (2,1–14), wie Menschen aus vielen Ländern zusammenkommen: Die Freundinnen und Freunde Jesu haben sich zunächst aus Angst zurückgezogen. Zu groß sind Schrecken, Verunsicherung, Orientierungslosigkeit nach dem Sterben Jesu. Dann aber: ein Brausen, eine Kraft, die sie erfasst. Die Angst verliert ihre Macht. Aus Verunsicherten werden Mutige, die reden – und verstanden werden, über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Und wie so oft bleibt der Spott nicht aus.

Pfingsten – fünfzig Tage nach Ostern – ist die Hoffnungsgeschichte, die kraftvolle Gegenerzählung zu vielem, was unsere Welt heute prägt: Abschottung, Rückzug, das Errichten von Mauern – in Köpfen, in Herzen, zwischen Nationen. Pfingsten erzählt von Gemeinschaft, von Bewegung, von Verständigung und Mut.

Solche pfingstlichen Momente erlebe ich, wenn aus „euch“ und „uns“ ein „Wir“ wird. Beim Katholikentag in Würzburg hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt: „Wir müssen mehr Ökumene wagen.“ Genau das ist Pfingsten: das Eigene nicht absolut setzen, sondern das Verbindende suchen – über Konfessions- und Ländergrenzen hinweg.

In diesem Jahr erlebe ich Pfingsten in einer kleinen Kirche, die seit Jahrzehnten als Minderheitenkirche lebt. Hier ist spürbar: Es gibt keine Garantien für Gelingen und Harmonie. Aber es wächst die Erfahrung, dass Neues entsteht, wo Menschen sich bewegen lassen – von Vertrauen und von Hoffnung.

Diese weltweite Verbundenheit wird in den kommenden Tagen im Büdinger Land ganz konkret sichtbar: Gäste aus unserer Partnerkirche in East Kerala in Indien werden bei uns sein. Sie besuchen den Evangelischen Jugendkirchentag in Alsfeld, treffen Konfirmandengruppen und Gemeinden, schauen in der Partnerschule in Hammersbach vorbei und im Jugendkulturbahnhof in Bleichenbach. Sie begegnen Ehren- und Hauptamtlichen unserer Kirche – und wir ihnen. Wir werden miteinander ins Gespräch kommen, voneinander hören, einander zuhören und staunen. Und vielleicht werden wir gerade darin spüren, was uns verbindet.

Als wir vor zwei Jahren in Indien waren, gaben sie uns einen Satz mit: „Keep us in your prayers.“ Haltet uns in euren Gebeten. Darin liegt viel von dem, was Pfingsten meint: aneinander denken und einander von der Hoffnung erzählen, die uns trägt.

Pfingsten ist für mich ein tägliches Neu-Ausrichten – und die Erinnerung daran, dass wir als Christinnen und Christen weltweit verbunden sind.

Oder anders gesagt: In Island habe ich kaum etwas „verstanden“ – zumindest nicht im kognitiven Sinn. Und doch habe ich tiefer verstanden, was Gemeinschaft im Glauben bedeutet. Kognitives Verstehen hilft. Doch das Verstehen des Herzens geht weiter.

In diesem Sinn: ein verstehendes und gesegnetes Pfingstfest wünsche ich Ihnen!

Birgit Hamrich ist Pfarrerin und Dekanin im Evangelischen Dekanat Büdinger Land


Zwischen Abschied und Hoffnung

von Tanja Langer

für den 17. Mai 2026 – Exaudi

Am Sonntag „Exaudi“ steht alles noch im Zeichen von Jesu Abschied an Himmelfahrt. Aber eigentlich ist es kein Grund zum Traurig-sein, denn Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Wenn das nur immer so einfach wäre.

Meistens schwingt beim Abschied eine Welle der Traurigkeit mit. Jemand verlässt uns, etwas verändert sich, Liebgewonnenes muss losgelassen werden. Keine einfache Aufgabe. Und ein Prozess, in dem wir uns gefühlt ständig befinden, seitdem wir Nachbarschaftsräume bildeten und damit konfrontiert sind, dass es in unserer Kirche nicht so bleiben kann, wie es war. Ich muss zugeben, dass auch ich mich manchmal der Wehmut hingebe. 

Und dann habe ich Schwester Maria Magdalena aus der Abtei Kloster Engelthal beim Frauenmahl sprechen gehört und das hat mich ein paar Tage begleitet. Vielleicht haben Sie es in der Presse verfolgt: Die Benediktinerinnen verlassen das Kloster in wenigen Monaten und die Diakonie möchte den Standort übernehmen und dort u.a. ein Hospiz einrichten. Ich dachte, das muss doch für die Nonnen ein schwerer Schritt sein und bestimmt sind sie traurig. 

Aber Schwester Maria Magdalena hat uns eine neue Perspektive auf das Leben im Kloster und das Danach gegeben. Sie erzählte davon, wie sie ins Kloster gezogen ist und sie die anderen Schwestern „vorgefunden“ hat. Sie verdeutlichte, dass dort Frauen unterschiedlicher Prägung und Alters zu einer Gemeinsamkeit zusammenfinden: der Suche nach Gott. Das sei unglaublich entlastend, denn man muss Gott nicht gefunden haben, sondern man ist gemeinsam auf dem Weg. Alles ist im Fluss, in Bewegung auf dieser Suche. Sie leben miteinander, sie arbeiten miteinander, sie beten miteinander und dann gibt es auch Zeiten der Ruhe und die Möglichkeit des Rückzugs. Sie sind keine Freundinnen, aber sie sind Gefährtinnen, die nach den benediktinischen Regeln zusammenleben, manche schon eine sehr lange Zeit. 

Sie wurden nicht gedrängt, das Kloster zu verlassen, sondern haben sich frei und nach vernünftiger Überlegung dazu entschlossen, zu gehen. Schwester Maria Magdalena gab zu, dass es beim Abschied Tränen geben wird, aber auch ein gutes Gefühl, denn sie machen den Platz frei, damit Neues entstehen kann. 

Ich muss sagen, diese Frau, ihre Haltung und das Gesagte haben mich tief beeindruckt. Abschied muss nicht traurig sein oder mit Bitterkeit verbunden. Man gibt den Raum frei, damit Neues entstehen kann. Das müssen wir uns viel öfter vor Augen führen, wenn die Traurigkeit und Wehmut uns im Augenblick eines Abschieds überwältigen wollen. 

Übrigens werden die Nonnen nach Bingen ziehen und die Jüngeren sich um die Älteren kümmern. Ich finde, das sind wirklich schöne Aussichten und das kann uns zum Vorbild dienen. 

Tanja Langer ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes


Zwischen Himmel und Erde

von Wilfried Schutt
für den 14. Mai 2026 – Christi Himmelfahrt

Die Bibel erzählt an Christi Himmelfahrt von einer seltsamen Szene: Die Freunde Jesu stehen da und schauen in den Himmel. Ratlos. Wie soll es jetzt weitergehen? Da hören sie die Frage: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“

Diese Frage trifft auch unsere Zeit. Der Himmel scheint voller Rauch zu sein. Über der Ukraine. Über dem Nahen Osten und dem Iran. Und auch bei uns wächst die Unruhe: wirtschaftliche Sorgen, Angst vor gesellschaftlicher Spaltung, die Frage, wie stabil Demokratie und Zusammenhalt noch sind. Da fällt Hoffnung schwer.

„Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Himmelfahrt ist kein Abschiedsfest. Der, der geht, lässt nicht einfach los. Die Jünger und Jüngerinnen damals bekommen keine einfachen Antworten. Kein Versprechen, dass nun alles gut wird. Stattdessen werden sie zurückgeschickt ins Leben. In eine unsichere Welt, mit ihren Kriegen, ihrer Erschöpfung, ihren Ängsten.

Sie gehen anders zurück. Nicht angstfrei. Doch mit der Ahnung: Wir sind nicht allein. Das ist unbequem. Denn wir würden manchmal lieber warten. Auf bessere Zeiten. Auf jemanden, der es richtet. Auf den Himmel, der eingreift.

Genau darin liegt die Kraft von Christi Himmelfahrt. Der Glaube lenkt den Blick nicht weg von der Wirklichkeit. Er schickt Menschen hinein in diese Wirklichkeit – zu den Verängstigten, den Erschöpften, den Suchenden, den Wütenden.

Hoffnung bedeutet nicht, die Welt schönzureden. Hoffnung heißt: der Wirklichkeit standhalten, ohne zynisch zu werden. Oder mit den Worten des Schriftstellers Kurt Marti: „Gott ist ein Tätigkeitswort.“

Der Himmel Gottes beginnt nicht erst irgendwann über den Wolken. Himmelfahrt heißt nicht: Gott hat sich verzogen. Es heißt: Gott traut uns etwas zu. Gottes Himmel berührt die Erde dort, wo Menschen einander nicht aufgeben. Wo sie widersprechen, wenn Hass laut wird. Wo sie trösten, helfen und Frieden suchen.

Unsere Zeit braucht genau das: Menschen, die den Himmel nicht vergessen – und gerade deshalb Verantwortung auf der Erde übernehmen.

Wilfried Schutt ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes sowie Pfarrer für Innovation und die Landesgartenschau Oberhessen 2027


Beten ist nicht out

von Daniela Wieners

für den 10. Mai 2026

„And so we pray“, übersetzt „und so beten wir“ heißt ein emotionales Lied, das gerade häufig im Radio gespielt wird. Geschrieben hat es die bekannte Band Coldplay. „Ich bete, dass ich nicht aufgebe“ heißt es weiter im Liedtext, „bete, dass ich mein Bestes gebe, bete, dass ich mich aufrichten kann, bete, dass mein Bruder gesegnet ist“. 

Beten - ist das nicht out?  Anscheinend doch noch nicht. 

Der heutige Sonntag „Rogate“ bedeutet übersetzt „Betet“ und stellt genau wie dieses Lied das Gebet in den Mittelpunkt. Beten hat Menschen schon immer Kraft gegeben, besonders in schwierigen Situationen. Das „Stoßgebet“ kennt wohl jeder gerade in einer brenzligen Situation im Straßenverkehr und die Erfahrung, das ist gerade noch mal gut gegangen, dass niemand zu Schaden gekommen ist. 

Der heutige Sonntag will uns ermutigen, nicht nur in Ausnahmesituationen zu beten, sondern immer wieder wie es in der Bibel im steht: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen.“ (1. Thess 5,16-18)

Die Musiker in dem Lied erzählen wie das Beten ihnen Kraft gibt morgens aufzustehen und ihren Alltag zu bestehen. Das Beten ihnen hilft, die richtige Richtung in ihrem Leben zu finden, weil da jemand ist, der ihnen den Weg zeigt. Die Bibel sagt, dass das Gebet kein Selbstgespräch ist, sondern dass Gott unsere Gebete hört, egal wie kurz oder lang sie sind. Und dass er darauf reagiert: „Bittet, so wird euch gegeben“ steht als Aufforderung im Matthäusevangelium 7,7. Wer betet, der sieht hin und übersieht nicht. Der bringt den eigenen Dank oder die Klage zur Sprache und kann abgeben, was ihn oder sie selbst belastet. Und kann es einem Höheren überlassen, dass Richtige zu entscheiden. Denn so heißt es im Spruch für die kommende Woche aus Psalm 66,20 „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“

Daniela Wieners ist Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Konradsdorf


„Wie lieblich ist der Maien“

von Rainer Böhm

für den 26. April 2026

Einer meiner Vorgänger in Bad Nauheim war Dekan Paul Gerhard Schäfer, ein Freund Niemöllers. Mit dem Gesang hatte er es nicht so sehr. Deshalb spielte ihm seine musikalische Frau vor jedem Gottesdienst, den er in der Dankeskirche hielt, auf dem Klavier die ersten Noten der Liturgie vor. Diese Akkorde summte er dann unterwegs, damit er das Votum unfallfrei anstimmen konnte. Einige Spötter:Innen nannten den kurzen Weg vom Pfarrhaus zur Dankeskirche deshalb den „Paul-Gerhard-Weg". Wenn unsere Liturgie in Hessen noch immer, wie in anderen Landeskirchen, vom Liturgen gesungen werden müsste – wäre ich vermutlich kein Pfarrer geworden.

Kirchenmusik und Kirchenlieder waren für mich eine Entdeckung. Das begann gleich nach dem Studium. Als Student war ich völlig anderen Musikrichtungen zugeneigt. Im Vikariat gingen wir die Gesangbücher durch. Und so lernte ich sie kennen: die fröhlichen Weihnachtslieder, die Ostergesänge, die eigentlich als Tanzlieder gespielt und gesungen werden können. Das war für mich wie eine neue Welt. Genauso wie die Triosonaten Bachs auf der Orgel – was ist das für eine himmlische Musik. Neulich durfte ich „Bist du bei mir“ aus dem Notenbüchlein der Anna Maria Bach auf der Orgel in Gedern hören.

Ich erinnere mich an einen Gottesdienst vor langer Zeit, als Eingangslied „Du meine Seele singe“, im Wechsel von Orgel und Posaunenchor – vor lauter Tränen konnte ich kaum singen. Ich bin da eher einfach gestrickt. Immer wieder halten unsere Gesangbücher solche wunderbaren Überraschungen und Schätze für mich bereit. Etwa aus dem neuen Gesangbuch auf „Meine Zeit steht in deinen Händen“ oder „Peace of the Earth“ von der Kommunität Iona.

Erst vergangenes Jahr habe ich gelernt, dass „Narzissus und die Tulipan“ gemeinsam blühen. Der Gemeindegesang wirkt für mich wie ein Therapeutikum. Zu den innigsten Momenten meines Lebens gehört ein gemeinsamer Gesang von Liedern mit meiner Frau in einer leeren Kirche, ganz spontan, Gesangbücher lagen aus. 

In diesen Tagen geht mir „Wie lieblich ist der Maien“ nicht aus dem Sinn. Das habe ich erst vor ein paar Jahren für mich „entdeckt". Hoffentlich habe ich die Gelegenheit, es im Mai in einer unserer Kirchen im Gottesdienst zu singen. Darauf freue ich mich jetzt schon.

Rainer Böhm ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche in den Auen


Ein frohes neues „Ja!“

von Ulrich Bauersfeld

für den 19. April 2026

„Miserikordias Domini“ – so lautet der Name des morgigen Sonntags, zu Deutsch: „Die Barmherzigkeit des Herrn“. Das Leitbild dieses Sonntags und vieler Bibeltexte, die ihm zugeordnet sind, ist das Bild des „Guten Hirten“. Psalm 23 gehört dazu („Der Herr ist mein Hirte.“) und das Wort Jesu: „Ich bin der gute Hirte.“ Dieser Sonntag und seine Texte und Lieder weisen auf den Guten Hirten hin und laden dazu ein, ihm zu vertrauen.

Ein solcher Glaube, ein solches Vertrauen ist ein Wagnis. Und manche unter uns haben große Schwierigkeiten damit, sich Gott als den Barmherzigen vorzustellen: „Es passiert so viel in dieser Welt! Wie kann es da einen Gott geben, der uns liebt!“ Doch genau in dieser Spannung steht für mich der Glaube an den Guten Hirten. Ich glaube daran, dass Gott in Jesus trotz allem, was geschieht, der Gute Hirte für uns ist. Er erspart uns vieles nicht. Und ich verstehe oft auch nicht, warum das alles so passiert, wie es passiert. 

Aber in all dem erlebe ich: Er, der Gute Hirte, ist da. Er ist bei uns. Er hält uns fest. Er lässt uns nicht allein. Er hilft uns, unseren Weg zu finden, und gibt uns die Kraft und die Weisheit, diesen Weg zu gehen. Er schenkt uns – trotz allem und in allem – seinen Frieden ins Herz. Daran glaube ich. Daran will ich glauben – immer wieder neu.

In diesen Wochen feiern wir in vielen evangelischen Kirchen die Konfirmation. Die Jugendlichen der nun zu Ende gehenden Konfi-Kurse sind eingeladen, „Ja!“ zu sagen zu Jesus, dem guten Hirten – und damit zu bestätigen, was (bei den meisten von ihnen) ihre Eltern und Paten mit der Taufe begonnen haben. 

Dieses „Ja!“ kann jedoch nicht unbedingt an einem vorher festgelegten Datum geschehen. Dieses „Ja!“ kann jeder Mensch im Grunde nur für sich selbst aussprechen – zu einem Zeitpunkt, der jeweils der richtige ist. Dies mag die Konfirmation sein – oder auch ein ganz anderer Moment im Leben. Und – letztendlich – ist es für mich mit einem einzigen Zeitpunkt auch gar nicht getan. Das „Ja!“ zu Gott in Jesus kann (und sollte, meine ich) immer wieder neu gesprochen werden – jeden Tag. So wird der Glaube ein lebendiger Glaube. Ich wünsche mir selbst und anderen den täglich neuen Glauben, das täglich neue „Ja!“ zu Gott, zu Jesus – und dabei das froh machende Erleben: Er ist bei uns – trotz allem und in allem – und hält uns fest.

Ulrich Bauersfeld ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht und stellvertretender Dekan im Dekanat Büdinger Land


Über Vertrauen

von Tanja Langer

für den 12. April 2026

Ich bin verbunden mit Menschen auf der ganzen Welt. Dem Internet sei Dank. Ich nutze Facebook, ich gehöre ja der älteren Generation an, denn damit kenne ich mich aus. Über diese Plattform erfahre ich Vieles von Menschen auf anderen Kontinenten, kann wichtige Inhalte teilen und auch für kirchliche Veranstaltungen werben. 

Einem Algorithmus sei Dank, bekomme ich Inhalte angezeigt, die mich aufgrund meines online-Verhaltens interessieren könnten. So lernte ich Will und seine Familie in Tennessee kennen. Will ist gerade 15 geworden und kämpft seit einem Jahr gegen ein Osteosarkom, Knochenkrebs. Seine Mutter Brittany hat die Gruppe bei Facebook gegründet, um die Verwandten und Freunde über alles zu informieren und nicht jeden einzeln erreichen zu müssen. Aber mittlerweile nehmen viele Tausend Menschen Anteil am Schicksal der Familie. 

Will hat sein linkes Bein verloren, kommt aber gut mit der Prothese zurecht. Ende letzten Jahres sahen die Scans von seinem Körper gut aus und es schien in eine gute Richtung zu gehen. Nur drei Monate später sieht die Welt der Familie ganz anders aus. Der Scan vom Ostermontag zeigt unzählige Metastasen im ganzen Körper. Die Chemopille und die Immuntherapie hier aus Europa, für die die Familie lange gekämpft hat, schlagen nicht an. 

Die Familie ist eng mit ihrer Gemeinde verbunden, besucht regelmäßig den Gottesdienst. Am Ostersonntag während der Predigt lehnte sich Will zu seiner Mutter rüber und sagte: „Diese Botschaft ist für mich, oder?“ Jesus lebt und wir mit ihm. Will hatte sich mit sechs anderen Kindern angefreundet, die dieselbe Erkrankung haben. Am Karfreitag starb die letzte von ihnen. 

Brittany wusste nicht, was sie zu ihrem Sohn sagen sollte. Sie nahm sich ein Herz und erklärte ihm, dass er sich doch sorgte, dass er im Himmel niemanden kennen würde, wenn er vor seinen Eltern schon dorthin käme. Nun seien da schon sechs Kämpfer, die ihn begrüßen in der Minute, in der er ankommt. Das sei ein Gewinn. 

Ich kann mir nur schwer vorstellen, wieviel Kraft es diese Mutter gekostet haben muss, das zu sagen. Woher nimmt sie diese Kraft? Sie sagt, aus dem Glauben. Und auch Will selbst sagt, sein Glaube sei solide wie ein Fels. 

Erst vor wenigen Tagen haben wir gefeiert, dass der Fels weggerollt wurde und Jesus den Tod besiegt hat. Dass die Macht des Todes gebrochen wurde. Doch wenn ich solche Geschichten höre, wenn es um das Leben eines anderen Menschen geht, noch dazu einem so jungen, dann sind diese Worte manchmal zu groß und zu fremd. 

An eine Auferstehung zu glauben, fällt im Alltag schwer. In diesen Momenten fühle ich mich dem ungläubigen Thomas sehr nahe. Einfach glauben, ohne Beweise, fällt schwer. Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben, sagt Jesus. Daran halten sich Will und seine Mutter Brittany fest. Sie schrieben mir: Glaube bedeutet zu sagen: Gott, ich glaube, dass Du es kannst, aber ich vertraue Dir sogar, wenn Du es nicht tust.

Ich habe mir fest vorgenommen, dieses Bild von Glauben mit in den nachösterlichen Alltag zu nehmen. 

Tanja Langer ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes


Eine Frage an uns

von Wilfried Schutt

für den 3. April 2026 – Karfreitag

Karfreitag erinnert an Verrat, Verhaftung und Kreuzigung Jesu. Für evangelische Christen ist es der zentrale Feiertag ihres Glaubens – und zugleich ein stiller Tag.

Mitten in dieser Nacht sagt Jesus einen überraschenden Satz zu dem, der ihn ausliefert: „Freund, wozu bist du gekommen?“ Kein Vorwurf. Keine Abrechnung. Nur eine Anrede – und eine offene Frage.

Das irritiert. Denn wir würden anders reagieren. Wer verraten wird, zieht Grenzen, wendet sich ab. Jesus nicht. Er bleibt im Gespräch. Er spricht den anderen an – als „Freund“, oder genauer: als „Gefährten“. Ein Wort für jemanden, der dazugehört – und sich doch gerade entfernt.

Die Szene zeigt: Der Bruch kommt nicht von außen. Judas gehört dazu. Verrat entsteht in Beziehungen. Das macht die Geschichte unbequem. Denn sie betrifft nicht nur eine ferne Zeit. Wer ehrlich ist, kennt auch heute solche Spannungen – im eigenen Leben, in Familien, in Vereinen,  in unseren Gemeinden. Momente, in denen Worte und Überzeugungen nicht zusammenpassen. In denen Vertrauen brüchig wird.

Und doch bleibt diese Frage stehen: „Freund, wozu bist du gekommen?“ Eine Frage ohne schnellen Ausweg. Aber vielleicht gerade deshalb eine Einladung: innezuhalten, sich ehrlich zu prüfen, sich nicht sofort zu rechtfertigen.

Karfreitag hält diese Spannung aus. Er beschönigt nichts – und bricht die Beziehung nicht ab.

Und vielleicht liegt genau darin eine leise Hoffnung: Dass wir angesprochen bleiben – auch dort, wo nicht alles gelingt. Und dass wir nicht verloren gehen – weder uns selbst noch vor Gott.

Wilfried Schutt ist Pfarrer im Evangelischen Dekanat Büdinger Land für innovative Projekte und die Landesgartenschau 2027