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Schon beim Eintreten weht mir der Wind des Atlantik entgegen: Eine kleine Kirche hoch oben in den Westfjorden Islands, darunter das weite Meer. Drinnen: festlich gekleidete Menschen, Trachten, ein Konfirmand im Glitzeranzug, eine freundlich lächelnde Pfarrerin. Und wir zwei – sichtbar fremd in unserer Wanderkleidung, ohne ein Wort Isländisch zu verstehen.
Und doch: Wir verstehen. Die Melodien tragen, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser – an ihrem Klang erkennbar. Kein Wort ist uns sprachlich zugänglich, und dennoch entsteht Gemeinschaft. In diesem Moment ahne ich: So muss es in Jerusalem damals gewesen sein.
Die Bibel erzählt in der Apostelgeschichte (2,1–14), wie Menschen aus vielen Ländern zusammenkommen: Die Freundinnen und Freunde Jesu haben sich zunächst aus Angst zurückgezogen. Zu groß sind Schrecken, Verunsicherung, Orientierungslosigkeit nach dem Sterben Jesu. Dann aber: ein Brausen, eine Kraft, die sie erfasst. Die Angst verliert ihre Macht. Aus Verunsicherten werden Mutige, die reden – und verstanden werden, über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Und wie so oft bleibt der Spott nicht aus.
Pfingsten – fünfzig Tage nach Ostern – ist die Hoffnungsgeschichte, die kraftvolle Gegenerzählung zu vielem, was unsere Welt heute prägt: Abschottung, Rückzug, das Errichten von Mauern – in Köpfen, in Herzen, zwischen Nationen. Pfingsten erzählt von Gemeinschaft, von Bewegung, von Verständigung und Mut.
Solche pfingstlichen Momente erlebe ich, wenn aus „euch“ und „uns“ ein „Wir“ wird. Beim Katholikentag in Würzburg hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt: „Wir müssen mehr Ökumene wagen.“ Genau das ist Pfingsten: das Eigene nicht absolut setzen, sondern das Verbindende suchen – über Konfessions- und Ländergrenzen hinweg.
In diesem Jahr erlebe ich Pfingsten in einer kleinen Kirche, die seit Jahrzehnten als Minderheitenkirche lebt. Hier ist spürbar: Es gibt keine Garantien für Gelingen und Harmonie. Aber es wächst die Erfahrung, dass Neues entsteht, wo Menschen sich bewegen lassen – von Vertrauen und von Hoffnung.
Diese weltweite Verbundenheit wird in den kommenden Tagen im Büdinger Land ganz konkret sichtbar: Gäste aus unserer Partnerkirche in East Kerala in Indien werden bei uns sein. Sie besuchen den Evangelischen Jugendkirchentag in Alsfeld, treffen Konfirmandengruppen und Gemeinden, schauen in der Partnerschule in Hammersbach vorbei und im Jugendkulturbahnhof in Bleichenbach. Sie begegnen Ehren- und Hauptamtlichen unserer Kirche – und wir ihnen. Wir werden miteinander ins Gespräch kommen, voneinander hören, einander zuhören und staunen. Und vielleicht werden wir gerade darin spüren, was uns verbindet.
Als wir vor zwei Jahren in Indien waren, gaben sie uns einen Satz mit: „Keep us in your prayers.“ Haltet uns in euren Gebeten. Darin liegt viel von dem, was Pfingsten meint: aneinander denken und einander von der Hoffnung erzählen, die uns trägt.
Pfingsten ist für mich ein tägliches Neu-Ausrichten – und die Erinnerung daran, dass wir als Christinnen und Christen weltweit verbunden sind.
Oder anders gesagt: In Island habe ich kaum etwas „verstanden“ – zumindest nicht im kognitiven Sinn. Und doch habe ich tiefer verstanden, was Gemeinschaft im Glauben bedeutet. Kognitives Verstehen hilft. Doch das Verstehen des Herzens geht weiter.
In diesem Sinn: ein verstehendes und gesegnetes Pfingstfest wünsche ich Ihnen!
Birgit Hamrich ist Pfarrerin und Dekanin im Evangelischen Dekanat Büdinger Land
für den 17. Mai 2026 – Exaudi
Am Sonntag „Exaudi“ steht alles noch im Zeichen von Jesu Abschied an Himmelfahrt. Aber eigentlich ist es kein Grund zum Traurig-sein, denn Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Wenn das nur immer so einfach wäre.
Meistens schwingt beim Abschied eine Welle der Traurigkeit mit. Jemand verlässt uns, etwas verändert sich, Liebgewonnenes muss losgelassen werden. Keine einfache Aufgabe. Und ein Prozess, in dem wir uns gefühlt ständig befinden, seitdem wir Nachbarschaftsräume bildeten und damit konfrontiert sind, dass es in unserer Kirche nicht so bleiben kann, wie es war. Ich muss zugeben, dass auch ich mich manchmal der Wehmut hingebe.
Und dann habe ich Schwester Maria Magdalena aus der Abtei Kloster Engelthal beim Frauenmahl sprechen gehört und das hat mich ein paar Tage begleitet. Vielleicht haben Sie es in der Presse verfolgt: Die Benediktinerinnen verlassen das Kloster in wenigen Monaten und die Diakonie möchte den Standort übernehmen und dort u.a. ein Hospiz einrichten. Ich dachte, das muss doch für die Nonnen ein schwerer Schritt sein und bestimmt sind sie traurig.
Aber Schwester Maria Magdalena hat uns eine neue Perspektive auf das Leben im Kloster und das Danach gegeben. Sie erzählte davon, wie sie ins Kloster gezogen ist und sie die anderen Schwestern „vorgefunden“ hat. Sie verdeutlichte, dass dort Frauen unterschiedlicher Prägung und Alters zu einer Gemeinsamkeit zusammenfinden: der Suche nach Gott. Das sei unglaublich entlastend, denn man muss Gott nicht gefunden haben, sondern man ist gemeinsam auf dem Weg. Alles ist im Fluss, in Bewegung auf dieser Suche. Sie leben miteinander, sie arbeiten miteinander, sie beten miteinander und dann gibt es auch Zeiten der Ruhe und die Möglichkeit des Rückzugs. Sie sind keine Freundinnen, aber sie sind Gefährtinnen, die nach den benediktinischen Regeln zusammenleben, manche schon eine sehr lange Zeit.
Sie wurden nicht gedrängt, das Kloster zu verlassen, sondern haben sich frei und nach vernünftiger Überlegung dazu entschlossen, zu gehen. Schwester Maria Magdalena gab zu, dass es beim Abschied Tränen geben wird, aber auch ein gutes Gefühl, denn sie machen den Platz frei, damit Neues entstehen kann.
Ich muss sagen, diese Frau, ihre Haltung und das Gesagte haben mich tief beeindruckt. Abschied muss nicht traurig sein oder mit Bitterkeit verbunden. Man gibt den Raum frei, damit Neues entstehen kann. Das müssen wir uns viel öfter vor Augen führen, wenn die Traurigkeit und Wehmut uns im Augenblick eines Abschieds überwältigen wollen.
Übrigens werden die Nonnen nach Bingen ziehen und die Jüngeren sich um die Älteren kümmern. Ich finde, das sind wirklich schöne Aussichten und das kann uns zum Vorbild dienen.
Tanja Langer ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes
Pfarrer Wilfried Schutt
Die Bibel erzählt an Christi Himmelfahrt von einer seltsamen Szene: Die Freunde Jesu stehen da und schauen in den Himmel. Ratlos. Wie soll es jetzt weitergehen? Da hören sie die Frage: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“
Diese Frage trifft auch unsere Zeit. Der Himmel scheint voller Rauch zu sein. Über der Ukraine. Über dem Nahen Osten und dem Iran. Und auch bei uns wächst die Unruhe: wirtschaftliche Sorgen, Angst vor gesellschaftlicher Spaltung, die Frage, wie stabil Demokratie und Zusammenhalt noch sind. Da fällt Hoffnung schwer.
„Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Himmelfahrt ist kein Abschiedsfest. Der, der geht, lässt nicht einfach los. Die Jünger und Jüngerinnen damals bekommen keine einfachen Antworten. Kein Versprechen, dass nun alles gut wird. Stattdessen werden sie zurückgeschickt ins Leben. In eine unsichere Welt, mit ihren Kriegen, ihrer Erschöpfung, ihren Ängsten.
Sie gehen anders zurück. Nicht angstfrei. Doch mit der Ahnung: Wir sind nicht allein. Das ist unbequem. Denn wir würden manchmal lieber warten. Auf bessere Zeiten. Auf jemanden, der es richtet. Auf den Himmel, der eingreift.
Genau darin liegt die Kraft von Christi Himmelfahrt. Der Glaube lenkt den Blick nicht weg von der Wirklichkeit. Er schickt Menschen hinein in diese Wirklichkeit – zu den Verängstigten, den Erschöpften, den Suchenden, den Wütenden.
Hoffnung bedeutet nicht, die Welt schönzureden. Hoffnung heißt: der Wirklichkeit standhalten, ohne zynisch zu werden. Oder mit den Worten des Schriftstellers Kurt Marti: „Gott ist ein Tätigkeitswort.“
Der Himmel Gottes beginnt nicht erst irgendwann über den Wolken. Himmelfahrt heißt nicht: Gott hat sich verzogen. Es heißt: Gott traut uns etwas zu. Gottes Himmel berührt die Erde dort, wo Menschen einander nicht aufgeben. Wo sie widersprechen, wenn Hass laut wird. Wo sie trösten, helfen und Frieden suchen.
Unsere Zeit braucht genau das: Menschen, die den Himmel nicht vergessen – und gerade deshalb Verantwortung auf der Erde übernehmen.
Wilfried Schutt ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes sowie Pfarrer für Innovation und die Landesgartenschau Oberhessen 2027
für den 10. Mai 2026
„And so we pray“, übersetzt „und so beten wir“ heißt ein emotionales Lied, das gerade häufig im Radio gespielt wird. Geschrieben hat es die bekannte Band Coldplay. „Ich bete, dass ich nicht aufgebe“ heißt es weiter im Liedtext, „bete, dass ich mein Bestes gebe, bete, dass ich mich aufrichten kann, bete, dass mein Bruder gesegnet ist“.
Beten - ist das nicht out? Anscheinend doch noch nicht.
Der heutige Sonntag „Rogate“ bedeutet übersetzt „Betet“ und stellt genau wie dieses Lied das Gebet in den Mittelpunkt. Beten hat Menschen schon immer Kraft gegeben, besonders in schwierigen Situationen. Das „Stoßgebet“ kennt wohl jeder gerade in einer brenzligen Situation im Straßenverkehr und die Erfahrung, das ist gerade noch mal gut gegangen, dass niemand zu Schaden gekommen ist.
Der heutige Sonntag will uns ermutigen, nicht nur in Ausnahmesituationen zu beten, sondern immer wieder wie es in der Bibel im steht: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen.“ (1. Thess 5,16-18)
Die Musiker in dem Lied erzählen wie das Beten ihnen Kraft gibt morgens aufzustehen und ihren Alltag zu bestehen. Das Beten ihnen hilft, die richtige Richtung in ihrem Leben zu finden, weil da jemand ist, der ihnen den Weg zeigt. Die Bibel sagt, dass das Gebet kein Selbstgespräch ist, sondern dass Gott unsere Gebete hört, egal wie kurz oder lang sie sind. Und dass er darauf reagiert: „Bittet, so wird euch gegeben“ steht als Aufforderung im Matthäusevangelium 7,7. Wer betet, der sieht hin und übersieht nicht. Der bringt den eigenen Dank oder die Klage zur Sprache und kann abgeben, was ihn oder sie selbst belastet. Und kann es einem Höheren überlassen, dass Richtige zu entscheiden. Denn so heißt es im Spruch für die kommende Woche aus Psalm 66,20 „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“
Daniela Wieners ist Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Konradsdorf
für den 26. April 2026
Einer meiner Vorgänger in Bad Nauheim war Dekan Paul Gerhard Schäfer, ein Freund Niemöllers. Mit dem Gesang hatte er es nicht so sehr. Deshalb spielte ihm seine musikalische Frau vor jedem Gottesdienst, den er in der Dankeskirche hielt, auf dem Klavier die ersten Noten der Liturgie vor. Diese Akkorde summte er dann unterwegs, damit er das Votum unfallfrei anstimmen konnte. Einige Spötter:Innen nannten den kurzen Weg vom Pfarrhaus zur Dankeskirche deshalb den „Paul-Gerhard-Weg". Wenn unsere Liturgie in Hessen noch immer, wie in anderen Landeskirchen, vom Liturgen gesungen werden müsste – wäre ich vermutlich kein Pfarrer geworden.
Kirchenmusik und Kirchenlieder waren für mich eine Entdeckung. Das begann gleich nach dem Studium. Als Student war ich völlig anderen Musikrichtungen zugeneigt. Im Vikariat gingen wir die Gesangbücher durch. Und so lernte ich sie kennen: die fröhlichen Weihnachtslieder, die Ostergesänge, die eigentlich als Tanzlieder gespielt und gesungen werden können. Das war für mich wie eine neue Welt. Genauso wie die Triosonaten Bachs auf der Orgel – was ist das für eine himmlische Musik. Neulich durfte ich „Bist du bei mir“ aus dem Notenbüchlein der Anna Maria Bach auf der Orgel in Gedern hören.
Ich erinnere mich an einen Gottesdienst vor langer Zeit, als Eingangslied „Du meine Seele singe“, im Wechsel von Orgel und Posaunenchor – vor lauter Tränen konnte ich kaum singen. Ich bin da eher einfach gestrickt. Immer wieder halten unsere Gesangbücher solche wunderbaren Überraschungen und Schätze für mich bereit. Etwa aus dem neuen Gesangbuch auf „Meine Zeit steht in deinen Händen“ oder „Peace of the Earth“ von der Kommunität Iona.
Erst vergangenes Jahr habe ich gelernt, dass „Narzissus und die Tulipan“ gemeinsam blühen. Der Gemeindegesang wirkt für mich wie ein Therapeutikum. Zu den innigsten Momenten meines Lebens gehört ein gemeinsamer Gesang von Liedern mit meiner Frau in einer leeren Kirche, ganz spontan, Gesangbücher lagen aus.
In diesen Tagen geht mir „Wie lieblich ist der Maien“ nicht aus dem Sinn. Das habe ich erst vor ein paar Jahren für mich „entdeckt". Hoffentlich habe ich die Gelegenheit, es im Mai in einer unserer Kirchen im Gottesdienst zu singen. Darauf freue ich mich jetzt schon.
Rainer Böhm ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche in den Auen
für den 19. April 2026
„Miserikordias Domini“ – so lautet der Name des morgigen Sonntags, zu Deutsch: „Die Barmherzigkeit des Herrn“. Das Leitbild dieses Sonntags und vieler Bibeltexte, die ihm zugeordnet sind, ist das Bild des „Guten Hirten“. Psalm 23 gehört dazu („Der Herr ist mein Hirte.“) und das Wort Jesu: „Ich bin der gute Hirte.“ Dieser Sonntag und seine Texte und Lieder weisen auf den Guten Hirten hin und laden dazu ein, ihm zu vertrauen.
Ein solcher Glaube, ein solches Vertrauen ist ein Wagnis. Und manche unter uns haben große Schwierigkeiten damit, sich Gott als den Barmherzigen vorzustellen: „Es passiert so viel in dieser Welt! Wie kann es da einen Gott geben, der uns liebt!“ Doch genau in dieser Spannung steht für mich der Glaube an den Guten Hirten. Ich glaube daran, dass Gott in Jesus trotz allem, was geschieht, der Gute Hirte für uns ist. Er erspart uns vieles nicht. Und ich verstehe oft auch nicht, warum das alles so passiert, wie es passiert.
Aber in all dem erlebe ich: Er, der Gute Hirte, ist da. Er ist bei uns. Er hält uns fest. Er lässt uns nicht allein. Er hilft uns, unseren Weg zu finden, und gibt uns die Kraft und die Weisheit, diesen Weg zu gehen. Er schenkt uns – trotz allem und in allem – seinen Frieden ins Herz. Daran glaube ich. Daran will ich glauben – immer wieder neu.
In diesen Wochen feiern wir in vielen evangelischen Kirchen die Konfirmation. Die Jugendlichen der nun zu Ende gehenden Konfi-Kurse sind eingeladen, „Ja!“ zu sagen zu Jesus, dem guten Hirten – und damit zu bestätigen, was (bei den meisten von ihnen) ihre Eltern und Paten mit der Taufe begonnen haben.
Dieses „Ja!“ kann jedoch nicht unbedingt an einem vorher festgelegten Datum geschehen. Dieses „Ja!“ kann jeder Mensch im Grunde nur für sich selbst aussprechen – zu einem Zeitpunkt, der jeweils der richtige ist. Dies mag die Konfirmation sein – oder auch ein ganz anderer Moment im Leben. Und – letztendlich – ist es für mich mit einem einzigen Zeitpunkt auch gar nicht getan. Das „Ja!“ zu Gott in Jesus kann (und sollte, meine ich) immer wieder neu gesprochen werden – jeden Tag. So wird der Glaube ein lebendiger Glaube. Ich wünsche mir selbst und anderen den täglich neuen Glauben, das täglich neue „Ja!“ zu Gott, zu Jesus – und dabei das froh machende Erleben: Er ist bei uns – trotz allem und in allem – und hält uns fest.
Ulrich Bauersfeld ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht und stellvertretender Dekan im Dekanat Büdinger Land
für den 12. April 2026
Ich bin verbunden mit Menschen auf der ganzen Welt. Dem Internet sei Dank. Ich nutze Facebook, ich gehöre ja der älteren Generation an, denn damit kenne ich mich aus. Über diese Plattform erfahre ich Vieles von Menschen auf anderen Kontinenten, kann wichtige Inhalte teilen und auch für kirchliche Veranstaltungen werben.
Einem Algorithmus sei Dank, bekomme ich Inhalte angezeigt, die mich aufgrund meines online-Verhaltens interessieren könnten. So lernte ich Will und seine Familie in Tennessee kennen. Will ist gerade 15 geworden und kämpft seit einem Jahr gegen ein Osteosarkom, Knochenkrebs. Seine Mutter Brittany hat die Gruppe bei Facebook gegründet, um die Verwandten und Freunde über alles zu informieren und nicht jeden einzeln erreichen zu müssen. Aber mittlerweile nehmen viele Tausend Menschen Anteil am Schicksal der Familie.
Will hat sein linkes Bein verloren, kommt aber gut mit der Prothese zurecht. Ende letzten Jahres sahen die Scans von seinem Körper gut aus und es schien in eine gute Richtung zu gehen. Nur drei Monate später sieht die Welt der Familie ganz anders aus. Der Scan vom Ostermontag zeigt unzählige Metastasen im ganzen Körper. Die Chemopille und die Immuntherapie hier aus Europa, für die die Familie lange gekämpft hat, schlagen nicht an.
Die Familie ist eng mit ihrer Gemeinde verbunden, besucht regelmäßig den Gottesdienst. Am Ostersonntag während der Predigt lehnte sich Will zu seiner Mutter rüber und sagte: „Diese Botschaft ist für mich, oder?“ Jesus lebt und wir mit ihm. Will hatte sich mit sechs anderen Kindern angefreundet, die dieselbe Erkrankung haben. Am Karfreitag starb die letzte von ihnen.
Brittany wusste nicht, was sie zu ihrem Sohn sagen sollte. Sie nahm sich ein Herz und erklärte ihm, dass er sich doch sorgte, dass er im Himmel niemanden kennen würde, wenn er vor seinen Eltern schon dorthin käme. Nun seien da schon sechs Kämpfer, die ihn begrüßen in der Minute, in der er ankommt. Das sei ein Gewinn.
Ich kann mir nur schwer vorstellen, wieviel Kraft es diese Mutter gekostet haben muss, das zu sagen. Woher nimmt sie diese Kraft? Sie sagt, aus dem Glauben. Und auch Will selbst sagt, sein Glaube sei solide wie ein Fels.
Erst vor wenigen Tagen haben wir gefeiert, dass der Fels weggerollt wurde und Jesus den Tod besiegt hat. Dass die Macht des Todes gebrochen wurde. Doch wenn ich solche Geschichten höre, wenn es um das Leben eines anderen Menschen geht, noch dazu einem so jungen, dann sind diese Worte manchmal zu groß und zu fremd.
An eine Auferstehung zu glauben, fällt im Alltag schwer. In diesen Momenten fühle ich mich dem ungläubigen Thomas sehr nahe. Einfach glauben, ohne Beweise, fällt schwer. Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben, sagt Jesus. Daran halten sich Will und seine Mutter Brittany fest. Sie schrieben mir: Glaube bedeutet zu sagen: Gott, ich glaube, dass Du es kannst, aber ich vertraue Dir sogar, wenn Du es nicht tust.
Ich habe mir fest vorgenommen, dieses Bild von Glauben mit in den nachösterlichen Alltag zu nehmen.
Tanja Langer ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes
Pfarrer Wilfried Schutt
für den 3. April 2026 – Karfreitag
Karfreitag erinnert an Verrat, Verhaftung und Kreuzigung Jesu. Für evangelische Christen ist es der zentrale Feiertag ihres Glaubens – und zugleich ein stiller Tag.
Mitten in dieser Nacht sagt Jesus einen überraschenden Satz zu dem, der ihn ausliefert: „Freund, wozu bist du gekommen?“ Kein Vorwurf. Keine Abrechnung. Nur eine Anrede – und eine offene Frage.
Das irritiert. Denn wir würden anders reagieren. Wer verraten wird, zieht Grenzen, wendet sich ab. Jesus nicht. Er bleibt im Gespräch. Er spricht den anderen an – als „Freund“, oder genauer: als „Gefährten“. Ein Wort für jemanden, der dazugehört – und sich doch gerade entfernt.
Die Szene zeigt: Der Bruch kommt nicht von außen. Judas gehört dazu. Verrat entsteht in Beziehungen. Das macht die Geschichte unbequem. Denn sie betrifft nicht nur eine ferne Zeit. Wer ehrlich ist, kennt auch heute solche Spannungen – im eigenen Leben, in Familien, in Vereinen, in unseren Gemeinden. Momente, in denen Worte und Überzeugungen nicht zusammenpassen. In denen Vertrauen brüchig wird.
Und doch bleibt diese Frage stehen: „Freund, wozu bist du gekommen?“ Eine Frage ohne schnellen Ausweg. Aber vielleicht gerade deshalb eine Einladung: innezuhalten, sich ehrlich zu prüfen, sich nicht sofort zu rechtfertigen.
Karfreitag hält diese Spannung aus. Er beschönigt nichts – und bricht die Beziehung nicht ab.
Und vielleicht liegt genau darin eine leise Hoffnung: Dass wir angesprochen bleiben – auch dort, wo nicht alles gelingt. Und dass wir nicht verloren gehen – weder uns selbst noch vor Gott.
Wilfried Schutt ist Pfarrer im Evangelischen Dekanat Büdinger Land für innovative Projekte und die Landesgartenschau 2027
für den 29. April 2026
Der März neigt sich dem Ende zu und der April steht vor der Tür. Bekannt für das „Aprilwetter“, bringt dieser so einige Überraschungen mit sich. Ein warmer Frühlingstag folgt auf einen kalten Tag mit Dauerregen. Zwischen stürmischen Tagen und totalem Sonnenschein ist auch Schnee nicht überraschend.
In diesen Wochen befinden wir uns zwischen Winter, Frühling und Sommer irgendwo “zwischendrin”.
Wenn ich so darüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass dieses „Zwischendrin“ ein durchaus sehr präsentes Motiv dieser Zeit ist. Die dicke Jacke lasse ich zwar noch an der Garderobe hängen, aber die dünne hänge ich auch schonmal dazu. Die Winterstiefel stehen noch vor der Tür, aber die leichten habe ich auch rausgeholt. Morgens muss ich noch die Scheiben meines Autos kratzen, mittags muss ich wegen der Hitze die Fenster öffnen. Im Garten zeigen sich die ersten Frühblüher, aber die meisten Pflanzen brauchen noch etwas Zeit.
Auch im Kirchenjahr stecken wir im “Zwischendrin”. Zwischen Fastenzeit und Ostern, zwischen Passion und Jubel.
Aber vielleicht hat gerade dieses „Zwischendrin“ ja seinen Charme. Es bietet uns die Möglichkeit das Schwere loszulassen, bietet Möglichkeiten für Veränderung und Aufbruch und lässt uns durch den Ausblick neue Hoffnung schöpfen. Gleichzeitig ist das Alte noch nicht ganz vorbei. Das gibt uns Ruhe, Zeit zum Nachdenken und Reflektieren und lehrt uns Geduld.
Vielleicht kennen wir dieses “Zwischendrin” auch aus unserem eigenen Leben: zwischen Abschied und Neubeginn, zwischen Erschöpfung und neuer Kraft, zwischen Zweifel und Vertrauen.
Die Passionszeit erinnert uns an Leid, Schuld und Vergänglichkeit, an die Zerbrechlichkeit des Lebens und an das Kreuz. Ostern dagegen steht für Hoffnung, neues Leben und den Sieg über den Tod. Dazwischen liegt eine Zeit des Wartens, des Aushaltens und des Vertrauens.
Auch die Jünger Jesu haben dieses Zwischendrin erlebt. Nach der Kreuzigung standen sie zwischen Trauer und Hoffnung, zwischen Angst und Verheißung. Sie wussten um Jesu Worte, aber sie sahen noch das verschlossene Grab. Diese Zeit war geprägt von Unsicherheit, von Fragen und von der Erfahrung, dass Gottes Handeln nicht immer sofort sichtbar wird. Und doch war Gott gerade in diesem Zwischendrin gegenwärtig.
Für unser eigenes Leben kann das Zwischendrin deshalb eine geistliche Chance sein. Es lädt uns ein, innezuhalten, ehrlich auf uns selbst zu schauen und Gott neu Raum zu geben. Nicht alles muss sofort gelöst sein, nicht jede Frage braucht eine schnelle Antwort. Im Vertrauen darauf, dass Gott auch im Unfertigen und Vorläufigen gegenwärtig ist, dürfen wir diese Zeit annehmen.
Rhea Storck absolviert in Kooperation mit der Diakonie Hessen ein Freiwilliges Soziales Jahr im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche in den Auen
für den 22. März 2026
Manchmal beobachte ich meine Enkelkinder beim Spielen im Garten. Darunter vier Jungs im Alter zwischen drei und zehn Jahren.
„So, wie ich es sage, wird es gemacht!“ – „Nein, so wie ich es sage ist es richtig!“
Da geht es schnell hoch her, wer sich von ihnen im Recht glaubt und meint, seine Meinung sei die allein richtige. Und es kann dann vorkommen, dass der, der sich im Recht glaubt, zum Opa kommt und einfordert: „Sag du ihnen doch mal, dass ich Recht habe!“
„Schaffe mir Recht!“, so auch der Name des morgigen Sonntags „Judika“, dem 5. Sonntag in der Passionszeit.
„Schaffe mir Recht!“, so auch die ersten Worte des 43. Psalms, der an diesem Sonntag in den Gottesdiensten gelesen wird und von dem der Sonntag seinen Namen ableitet. Es ist der Ruf des Psalmbeters an seinen Gott im Gegenüber zu einem Volk, das dieser Beter als „unheilig“ oder auch gottlos bezeichnet.
Und ich höre dieses Wort in unseren Tagen immer öfter – immer lauter – immer fordernder;
Ich höre es in den Medien und Nachrichten, an den Arbeitsplätzen und in den Nachbarschaften, in den Vereinen und Familien.
„Schaffe mir Recht!“, und jeder glaubt mit seinem Denken, mit seiner Meinung oder seiner politischen Überzeugung im Recht zu sein oder es zumindest einfordern zu müssen. Das eigene Recht wird über das Recht der Andersdenkenden gestellt, denn denen fehlt ja (aus der eigenen Sicht) der Durchblick. Wir leben in einer Zeit, in der es zunehmend nur noch um das eigene Recht und um die eigene Sichtweise geht. Das fängt in der großen Politik an und hört beim Streit um die Höhe des Gartenzauns in der Nachbarschaft auf.
Der Sonntag „Judika“ lädt uns aber auch dazu ein, einmal die Perspektiven des Gegenübers einzunehmen und die Sachverhalte unseres Zusammenlebens aus deren Blickwinkel zu betrachten. Kein Mensch hat das Recht für sich gepachtet, sondern wir alle stehen – seien wir nun gläubig oder nicht – unter dem Recht, das Gott über die Menschen gesetzt hat: das Recht auf Liebe und Akzeptanz, auf Würde und der Achtung voreinander.
Zu Durchsetzung dieses Rechts hat Gott Jesus Christus seinen Weg an das Kreuz gehen lassen. Und in ihm hat Gott uns längst unser Recht verschafft. Vielleicht sollten wir dies einmal bedenken, wenn wir das nächste mal glauben, unser persönliches Recht einklagen zu müssen, sei es vor Gott, vor Gericht oder einfach nur im Streit der Enkelkinder vor dem Opa.
Dieter Wichihowski ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes
für den 15. März 2026
Es ist Frühling. Die Sonne hat schon Kraft. Ich freue mich über die Osterglocken in voller Blüte und die Tulpen, die sich schon hervorgewagt haben. Im Garten schneide ich Rosen zurück und freue mich, dass bald auch dort die unterschiedlichen Farben zu sehen sein werden und der Duft meine Nase erreicht.
Die Natur lebt auf. Ich lebe mit ihr auf. Bald werde ich in Vorbereitung auf das Osterfest ein Kreuz mit Kressesamen einsäen. Wie schnell die kleinen Kressesamen dann aus der dunklen Erde grüne Keime treiben. Das grüne Kreuz als Symbol der Hoffnung.
Zuversicht brauchen wir Menschen gerade in krisenhaften Zeiten. Manches Mal sehe ich nur die schlimmen Nachrichten wie Krieg und Terror im Iran, in der Ukraine. Unfälle, Leid, Krankheit und Tod können die Welt finster erscheinen lassen. In der Passionszeit denken wir in ökumenischen Andachten in der katholischen Liebfrauenkirche Nidda über die Themen Schuld und Vergebung nach.
Die Andachten beleuchten dabei unterschiedliche Aspekte wie den manchmal empfundenen Zwang zur Vergebung oder die Schwierigkeit, sich selbst zu verzeihen. Dazu werden verschiedene Szenen und Personen aus der Passionsgeschichte in den Blick genommen, wie Pilatus, Judas oder auch die Jünger, die unter dem Kreuz fehlten.
Schuld ist unpopulär – niemand will schuld an etwas sein. Schon Pilatus wusch sich lieber die Hände in Unschuld. Am Samstag werden Konfirmandinnen und Konfirmanden in Ober-Schmitten ihren Vorstellungsgottesdienst zum Thema „Abendmahl“ gestalten, am Sonntag wird eine Gruppe von Konfis das Thema „Was kommt nach dem Tod?“ im Vorstellungsgottesdienst bedenken.
Ich freue mich, dass da ernste Themen von jungen Menschen bedacht und durchdacht wurden. Manchmal traue ich den Jugendlichen das gar nicht zu, aber ich lasse mich gerne überraschen. Der morgige Sonntag Laetare wird auch als „kleines Ostern“ bezeichnet. Texte und Lieder blicken voraus auf die Freude und den Trost, die in Gottes Heilshandeln begründet sind. „Die Stunde ist gekommen“, kündigt Jesus sein Sterben und Auferstehen an, „dass der Menschensohn verherrlicht werde“. Das dürre Tal ist nur ein Abschnitt, am Ende ist Freude in Gottes Gegenwart.
Benannt ist der Sonntag nach einem Vers aus Jesaja 66,10: „Freut euch mit Jerusalem!“ Wenn wir in diesen Tagen nach Jerusalem schauen, dann bin ich bedrückt, denn der neue Krieg überdeckt schon wieder das Elend im Gazastreifen und das Leid der Palästinenser, neues Leid entsteht in so vielen Ländern. Manchmal bin ich so deprimiert, dass ich mich frage: Wann wird es im Nahen Osten vernünftige und tragfähige Schritte in Richtung auf Demokratie und Menschenrechte geben? Ich bin da wenig hoffnungsvoll. Geknickt. Ohne Kraft.
Aber Jesus sagt: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, dann bringt es keine Frucht. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. In der dunklen Erde keimt das Korn, wird weich und süß und kriegt Kraft, schickt den Halm ans Licht, wächst ins Leben zurück. Eines Tages wird Gott die Gebeugten aufrichten.
Bis dahin bin ich nicht allein. In Jesus ist Gott nah. Sein Leben, sein Leiden bringt Frucht. Er war geknickt. Hat gelitten. Ist gestorben. Aber Gott hat ihn nicht im Dunkeln gelassen. Gott hat ihn auferweckt als ersten von uns allen. So trägt er tausendfache Frucht. Er lebt und trägt meine Last mit mir. Er geht alle Tage mit uns bis ans Ende der Welt.
Hanne Allmansberger ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Niddaer Land
für den 8. März 2026
Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. So heißt es in einem Kinderlied. Wieder ist es März geworden. Der Bauer spannt indes keine Rösslein mehr ein, sondern setzt sich auf seinen Traktor. Nach wie vor muss der Acker gepflügt werden, bevor er weiter bearbeitet und schließlich die Saat ausgebracht werden kann. Mit dem Pflügen beginnt das Jahr der Bodenbearbeitung. Jahr um Jahr aufs Neue.
Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. So mahnt Jesus seine Zuhörer in dem Bibelvers (Lukas 9,62), der über der kommenden Woche steht. Wer seine Hand an den Pflug legt und zurück sieht, der ist in der Tat ungeschickt. Auch wer auf seinem Traktor sitzt und nach hinten schaut, während er vorwärts fährt, wird keine gerade Furche zurecht bringen. Dann gerät schief, was er unternimmt.
Unsere Arbeit und unsere Aufgaben benötigen unsere Konzentration und Aufmerksamkeit. Wer eine Maschine bedient, sollte auch hinsehen auf das, was er da macht. Wenn ich einen Text tippe, ohne hinzusehen, mache ich viele Schreibfehler. Vorhin ist mir die Suppe übergekocht, weil ich durch ein Telefonat abgelenkt war. Im entscheidenden Moment kurz unaufmerksam, schon war es geschehen.
In einer Welt voller Ablenkungen und Zerstreuungen ist es manchmal schwierig, aufmerksam und konzentriert bei einer Sache zu bleiben. Solange nur die Suppe überkocht, ist das nicht schlimm. Das ist nur eine Aufgabe am Wegesrand und nicht der Rede wert. Bei den großen Zielen, die wir anstreben, wie das Reich Gottes, von dem Jesus hier spricht, ist das schwieriger.
Wer sich beim Pflügen dauernd ablenken lässt und sich umdreht, wird den Zielpunkt am anderen Ende des Ackers nicht treffen. Und wenn dieser Zielpunkt das Reich Gottes ist, dann geht es schon um etwas. Je wichtiger das Ziel ist, das ich erreichen will, umso wichtiger ist es auch, mich zu konzentrieren, fokussiert auf dem Weg dorthin zu sein, mich möglichst nicht ablenken zu lassen, damit ich nicht scheitere und mein Ziel verfehle.
Dazu ist es zunächst wichtig, mir mein Ziel überhaupt erst bewusst zu machen. Welches Ziel strebe ich überhaupt an? Und welche Bedeutung, welche Priorität hat dieses Ziel für mich? Es gibt vieles, was erstrebenswert ist. Aber ich kann nicht alles umsetzen, weil meine Zeit und Kraft begrenzt sind. Ich muss mich entscheiden. Welches Ziel verfolge ich?
Wenn ich in mir klar geworden bin über meine Ziele, dann bin ich so weit, meine Hand an den Pflug zu legen und anzufangen. Vorher bin ich dazu ungeschickt, verfange mich in ziellosem Aktionismus und vergebener Liebesmüh, ohne wirklichen Ertrag, nur schiefe Furchen. Nun aber kann es losgehen, das Ziel fest im Blick: Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.
Alexander Wohlfahrt ist Pfarrer in der Kirchengemeinde Konradsdorf
für den 22. Februar 2026
Auf meinem Schreibtisch liegen gerade mehrere Broschüren. Die Titelbilder zeigen Schwarze Frauen und Mädchen, mal fröhlich, mal nachdenklich. Auf allen Broschüren steht „Kommt! Bringt eure Last.“. Das ist das Leitwort zum diesjährigen Weltgebetstag, den diesmal Frauen aus Nigeria vorbereitet haben.
Am Weltgebetstag, der immer am ersten Freitag im März stattfindet, sind Menschen auf der ganzen Welt eingeladen, gemeinsam zu beten, zu feiern und in Kultur, Lebensrealität und Glaubenserfahrungen des Gastgeberlandes einzutauchen. Das diesjährige Gastgeberland Nigeria ist ein Land voll religiöser Vielfalt und kulturellem Reichtum. Aber auch ein Land, das vor großen Problemen steht: Ungleichheit zwischen Arm und Reich, Naturkatastrophen und immer wieder Gewalt.
Aus dieser Situation heraus geben die Frauen aus Nigeria uns diesen Vers mit „Kommt! Bringt eure Last.“. Er ist angelehnt an einen biblischen Vers, den Jesus im 11. Kapitel des Matthäus-Evangeliums spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Aus den Geschichten von Frauen, die in der Gottesdienstordnung des Weltgebetstags vorkommen, spricht viel Vertrauen darauf, dass Gott in allem – auch im Leid – da ist und der Glaube an Jesus Christus hilft, auch schwierige Situationen zu ertragen.
Neben den Weltgebetstags-Broschüren liegt auf meinem Schreibtisch gerade auch ein Flyer. „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte.“ steht darauf. Es ist der Flyer zur diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche während der Passionszeit. Die Aktion lädt ein, die eigenen Härten zu hinterfragen und Unbarmherzigkeit zu überwinden.
Die Passionszeit, die sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern, wirbt für Umkehr und für einen Perspektivwechsel. Sie ist eine Zeit zum Innehalten, die den Blick auf das Leiden Jesu und auf die Dunkelheit in der Welt lenkt, aber auch auf Gottvertrauen: Gott selbst kennt die Last der Welt. Er bleibt nicht fern vom Schmerz, sondern trägt ihn mit. Er eröffnet damit einen Raum ohne Härte, einen Ort, an dem man verletzlich sein darf und dennoch geschützt ist. Wer den Weg Jesu und sein Leiden in der Welt in der Passionszeit betrachtet, erkennt: Gottes Antwort auf die Härte der Welt ist nicht Gegengewalt, sondern Liebe. Das nährt Hoffnung auf eine Welt, in der Mitgefühl stärker ist als Härte.
„Kommt! Bringt eure Last.“, ein kleiner Satz auf den Weltgebetstags-Broschüren, der für mich die ganze Passionszeit zusammenfasst. Denn die Aufforderung ist zugleich ein Versprechen: Niemand muss den Weg alleine gehen und seine Lasten alleine tragen. Ein Versprechen an eine Welt, die Mitgefühl und Hoffnung braucht.
Elisabeth Engler-Starck ist Referentin für Ökumene im Evangelischen Dekanat Büdinger Land
für den 15. Februar 2026
In den vergangenen Wochen war die Faschingsfreude schon spürbar: Sitzungen, Kinderfasching, Faschingsgottesdienste und vieles mehr gab es zu feiern. Und nun stehen die närrischen Tage mit zahlreichen Umzügen an.
Die Tage sind voller Farben, Musik liegt in der Luft, und die Vorfreude auf das große Faschingswochenende ist überall spürbar. Straßen und Säle werden zu Bühnen, der Alltag darf Pause machen.
Es ist gut, dass es diese Zeiten gibt: Zeiten zum Lachen, zum Ausgelassensein, zum gemeinsamen Feiern. Am Aschermittwoch ist dann das närrische Treiben schon wieder vorbei und die Passionszeit beginnt. Was bleibt übrig, wenn das rauschende Fest vorüber ist? Oft folgt ja auf eine durchfeierte Nacht der Kater. Manchmal ist er mehr als nur körperlich. Vielleicht lohnt es sich schon mitten in der Vorfreude, darüber nachzudenken, was uns trägt – nicht nur heute, sondern auch morgen. Was trägt uns, wenn Konfetti und Luftschlangen wieder weggefegt sind? Was trägt uns, wenn uns der Alltag wieder fest im Griff hat?
Die Bibel kennt diese Spannung zwischen Fest und Ernüchterung gut. Sie erzählt von Menschen, die das Leben feiern, die Gemeinschaft suchen, die satt werden wollen – und die doch spüren, dass äußere Fülle allein nicht genügt.
Jesus selbst zieht sich immer wieder zurück, besonders nach intensiven Momenten. Nicht, weil ihm das Leben zu viel wäre, sondern weil er weiß, dass der Mensch mehr braucht als Lärm und Ablenkung. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, sagt er, sondern von dem, was ihm wirklich Halt gibt.
Mit dem Aschermittwoch beginnt die Passionszeit – keine freudlose Zeit, sondern eine ehrliche. Eine Zeit, in der gefragt werden darf: Was nährt mich? Was lasse ich an mich heran? Worauf verlasse ich mich, wenn die rauschenden Feten vorbei sind? Die Einladung der kommenden Wochen ist leise, aber klar: innehalten, nüchtern werden, das Wesentliche wieder entdecken.
Vielleicht ist die Passionszeit so etwas wie ein Gegenmittel gegen den Kater danach. Kein schneller Trost, sondern ein Weg, der Tiefe schenkt. Ein Weg, auf dem Gott uns nicht als perfekte Feiernde begegnet, sondern als Menschen mit Sehnsucht. Und der uns zusagt: Du musst dich nicht betäuben oder verstellen, um das Leben zu ertragen. Ich bin da, ich sehe dich – auch dann, wenn der Konfetti-Boden leergefegt ist.
Alexander Starck ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Niddaer Land
für den 8. Februar 2026
Was für eine Woche! Das fing schon am Montag an, als ich an der Tankstelle vorbeifuhr und mich in DM-Zeiten zurückversetzt wähnte. Aber nein, der Preis ging in Richtung zwei Euro. Als ich las, wie sich die Lage im Iran zuspitzte, verstand ich das immerhin besser.
Bei all dem, was wir durch die Medien alles vermittelt bekommen, könnte man schon vom Glauben abfallen. Wo ist denn der Gott, der in der Welt alles zurecht bringt? Wo ist der Trost für die Opfer von Epstein? Wo ist die Rettung für die Menschen, die auf den Straßen erschossen werden? Und wo ist Gott für uns in unseren ganz alltäglichen Sorgen?
Ich finde die Frage berechtigt. Eine einfache Antwort habe ich darauf auch nicht. Ich wünsche mir eine starke Macht, die das abstellt: alle Kriege, alle Sorgen, alle Nöte. Wie ich mir das vorstelle?
Da fängt das Problem an. Ich habe gar keine Vorstellung, wie das gehen kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Gott, der so barmherzig ist, Panzer benutzt. Eine merkwürdige Vorstellung: Gott im Panzer oder gar auf der Raketenabschussbasis.
Eine Vorstellung in der Bibel ist, dass Gott selbst im Windhauch zu spüren ist. Ein Windhauch, der heimlich still und leise, aber beständig die Welt verändert. Dieser Windhauch kann auch bei den Opfern der Regime sein; bei den Opfern von Krieg und Gewalt. Dieser Gott kann mit ihnen leiden, sie aber auch stützen und stärken. Wer einmal an der Küste unterwegs war, weiß, dass es oft einen ganz schönen Unterschied macht, ob dieser Wind einem entgegenbläst oder im Rücken anschiebt, so leicht und zurückhaltend er auch immer wehen mag. Möge dieser Wind Gottes so manchen Unheilsbringern entgegenwehen, allen anderen aber aufhelfen und Lebenskraft geben. Dieser Gott kann auch mit uns durch fröhliche Tage wirbeln bei all den Faschingsfeiern – und wann immer wir das Leben genießen.
Ulrike Wohlfahrt ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Büdingen